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Reihe "100 Jahre" / Verdienter Pathologe und brauner „Führerrektor“: Wer war Herbert Siegmund wirklich?

Prof. Herbert Siegmund in einer Aufnahme aus der Nachkriegszeit (Foto: Universitätsarchiv Münster)

Wehrmachtsuniform unter dem Rektor-Ornat: eine Aufnahme, die die beiden Seiten von Professor Herbert Siegmund sinnbildlich veranschaulicht (Foto: Universitätsarchiv Münster)

Münster (mfm/mew) - Herbert Siegmund war einer der einflussreichsten Pathologen des 20. Jahrhunderts. Ihm wurden die Goethe-Medaille und die höchste Auszeichnung der deutschen Ärzteschaft, die Paracelsus-Medaille, verliehen. In Bezug auf die NS-Zeit galt er lange als Unbelasteter. Neuere Forschungen revidieren dieses Bild. Wie konnte der von 1943 bis 1945 amtierende „Führerrektor“ der Universität Münster die Entnazifizierung als „Entlasteter“ überstehen? Das ist eine der Fragen, mit der sich Dr. Charlotte Nienhoff in ihrer Doktorarbeit befasst hat.

Auf 205 Seiten zeichnet die Zahnärztin ein differenziertes Bild Herbert Siegmunds und stellt seinen akademischen Werdegang, sein wissenschaftliches und hochschulpolitisches Wirken und seinen Bezug zum Nationalsozialismus dar. „Mir ging es darum, mittels eines breiten Spektrums an Quellen Siegmunds Biographie genau zu rekonstruieren sowie kritisch zu interpretieren”, beschreibt Nienhoff ihren Ansatz. Als erste Forschende untersuchte die gebürtige Moerserin den Nachlass Siegmunds, der 2021 dem Universitätsarchiv übergeben wurde. Darüber hinaus wertete sie eine Vielzahl von Dokumenten und Korrespondenzen aus weiteren Archiven aus, darunter Briefwechsel zwischen Siegmund und seinem Kollegen Georg Benno Gruber aus Göttingen.

Nach dem Studium der Humanmedizin entschied sich Siegmund für die Pathologie – eine Entscheidung, die von seinen Erfahrungen als Arzt im Ersten Weltkrieg mitgeprägt war. Deutschnational gesinnt, trat Siegmund bereits 1933 in die NSDAP ein. Nur zwei Jahre später wurde er als Ordinarius an das renommierte Pathologische Institut der Universität Kiel berufen. „Kiel galt damals als nationalsozialistisch gefestigte Universität und bot Siegmund vielfältige Forschungsmöglichkeiten. Trotzdem hatte er Schwierigkeiten, sich dort einzufinden“, erklärt Nienhoff. Von Kiel aus wurde Siegmund 1941 als Wehrmachtsarzt an die Ostfront berufen. Als sogenannter Beratender Pathologe beteiligte sich Siegmund an militärmedizinisch motivierten Forschungsprojekten. So führte er etwa Untersuchungen an Leichen durch, die schwere Erfrierungsschäden aufwiesen. Darunter befanden sich auch Präparate russischer Kriegsgefangener, die in vielen Fällen gezielt getötet worden waren.

„Ob Siegmund von der Herkunft der Leichen wusste, ist nicht nachweisbar, aber durchaus wahrscheinlich. Eine aktive Beteiligung an den verbrecherischen Experimenten, die zum Tod der Gefangenen führten, geht jedoch aus den Dokumenten nicht hervor. Allerdings liegt es auch in der Natur der Pathologie, dass Untersuchungen erst nach dem Tod der Versuchspersonen erfolgen“, fasst Nienhoff zusammen. Nachgewiesen werden konnte allerdings Siegmunds Mitwisserschaft an den verbrecherischen Kälteversuchen im Konzentrationslager Dachau. Die Ergebnisse dieser Experimente, bei denen der Tod der Versuchspersonen von vornherein einkalkuliert war, wurden auf der sogenannten „Seenot-Tagung“ präsentiert. Keiner der teilnehmenden Mediziner äußerte im Plenum Kritik oder Widerspruch, auch Siegmund nicht.

1942 erwirkte Siegmund eine Versetzung an die Universität Münster. „Dieser Wechsel stellt einen Bruch in Siegmunds Karriere dar. Denn das Pathologische Institut in Münster war damals sowohl personell als auch materiell schlechter aufgestellt und versprach weniger Forschungserfolge als das in Kiel“, so Nienhoff. Allerdings war Münster auch Zentrum eines großen Wehrkreises (Wehrkreis VI), was Siegmunds militärmedizinischen Forschungsambitionen entgegenkam. „Seine Nähe zu NS-Funktionären, aber auch sein politisches Geschick vor Ort zeigen sich darin, dass er nur ein Jahr nach seiner Berufung 1943 zum ‚Führerrektor‘ ernannt wurde. In dieser Position mit weitreichenden Entscheidungsbefugnissen ausgestattet, sah Siegmund seine Aufgabe hauptsächlich darin, die Universität für den ‚Totalen Krieg‘ zu mobilisieren“, erläutert Professor Hans-Georg Hofer, kommissarischer Leiter des Instituts für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin sowie Betreuer der Dissertation. Als Rektor war Siegmund bis Kriegsende tätig und verantwortlich für die Verlegung der Medizinischen Fakultät sowie von Teilen der Uniklinik nach Bad Salzuflen zum Schutz vor dem Bombenkrieg und der herannahenden Front. „Die Briten haben Siegmund nach dem Krieg mit Samthandschuhen angefasst. Trotz seiner Verstrickungen und exponierten politischen Stellung in der NS-Zeit wurde er als ‚entlastet‘ eingestuft und konnte seine Position als Leiter der Pathologie behalten. Nach den damaligen Kriterien und Regularien hätte dies eigentlich nicht passieren dürfen. Damit steht Siegmund beispielhaft für eine Vielzahl gescheiterter Entnazifizierungsverfahren“, resümiert Nienhoff.

Der zweite Teil der Dissertation befasst sich mit dem wissenschaftlichen Wirken Siegmunds. Anders als die meisten Pathologen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wandte er sich nicht schon früh einem Spezialgebiet zu, sondern blieb an unterschiedlichen Fachbereichen interessiert. „Sein Spektrum reichte von grundlagenbezogener Forschung in pathologischer Anatomie und Histologie über infektionsmedizinische und zahnmedizinische Themen bis hin zu theoretischen Perspektiven im Sinne eines ‚ganzheitsmedizinischen‘ Verständnisses der Medizin“, charakterisiert Nienhoff das Werk des Wissenschaftlers. Ein herausragender Schwerpunkt war die orale Pathologie und Parodontologie – einer der Gründe, weshalb die studierte Zahnmedizinerin Siegmund zum Thema ihrer Dissertation wählte. Seine Forschungen zur Parodontitis erfuhren in der Nachkriegszeit weithin Anerkennung. Zugleich kamen „ganzheitliche“ Sichtweisen in der Medizin als neuer Schwerpunkt hinzu. „Diesen Wandel einzuordnen, war schwierig. Meine Untersuchungen zeigen, dass Siegmund kein Anhänger der frühen Ganzheitsbewegung der 1920er Jahre war. Er fokussierte sich erst nach 1945, im Zusammenhang mit Forderungen nach ‚Reform‘ und ‚Neuorientierung‘ der Medizin, darauf. Allerdings verbargen sich unter dem neuen Label der ‚Ganzheitsmedizin‘ auch ideologische Konzepte aus der NS-Zeit“, erklärt die Medizinerin.

„Diese Dissertation zeichnet ein umfassendes Bild des Pathologen und Hochschulpolitikers Siegmund, ohne vorschnell Urteile zu fällen. Sie ist durch die Breite an ausgewerteten Quellen ein gelungener Beitrag zur Aufarbeitung der Geschichte der Medizinischen Fakultät in Münster. Zugleich bildet sie den Auftakt zu einer Reihe historischer Doktorarbeiten im Hinblick auf das hundertjährige Bestehen der Universitätsmedizin Münster im Jahr 2025”, fasst Professor Hofer seine Einschätzung zusammen.          Text: Marie-Elisabeth Wolter

Nienhoff, Charlotte Katharina (2022): Pathologie, Parodontologie und Politik: Eine biographische Studie zu Herbert Siegmund (1892-1954). Die Dissertation ist in Münster in der Universitäts- und Landesbibliothek Münster, in der ZB Med und in der Bibliothek des EGTM-Instituts vorhanden.

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