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Wenn Herkunft oder Bildung über Therapien entscheiden: Forschungsprojekt zu Ungleichheit bei Herzschwäche
Das Forschungsteam des Konsortialprojekts IntersectionHF unter der Leitung der Universität Münster (v. l.): Dr. Christiane Engelbertz, Prof. Andreas Faldum, Dr. Lena Makowski, Dr. Jeanette Köppe, Prof. Holger Reinecke, Dr. Anastasia Hobbach, Karen Fischhuber und Prof. Jürgen Sindermann (Foto: privat)
Münster (mfm/nn) – Ob Frau oder Mann, ob jung oder alt, mit oder ohne Schulabschluss: Wer in Deutschland an chronischer Herzschwäche leidet, erhält nicht immer die gleiche Behandlung. Hier setzt das neue Forschungsprojekt IntersectionHF an („Identifikation von Diskriminierungsfaktoren bei der leitliniengerechten Behandlung der chronischen Herzinsuffizienz und ihr Einfluss auf Lebensqualität und Überleben der Betroffenen“). Unter der Leitung von Dr. Jeanette Köppe von der Universität Münster untersucht ein bundesweites Konsortium, ob Unter- oder Fehlbehandlungen mit Faktoren wie Geschlecht, Lebensalter, Bildungsabschluss, Nationalität oder psychischen Erkrankungen zusammenhängen. Das Projekt läuft über drei Jahre und wird mit rund zwei Millionen Euro aus dem Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) gefördert.
Herzschwäche, medizinisch Herzinsuffizienz genannt, ist eine Volkskrankheit. Ein davon betroffenes Herz kann den Körper nicht mehr ausreichend mit Blut und Sauerstoff versorgen. Die Folgen reichen von Atemnot und Erschöpfung bis zu lebensbedrohlichen Komplikationen. Bei rund fünf Prozent der Deutschen liegt dieses Krankheitsbild vor; bei den über Achtzigjährigen klagt sogar jeder Vierte darüber. Obwohl wirksame Therapien seit Jahren bekannt sind, erhalten viele Patientinnen und Patienten empfohlene Behandlungen nicht oder zu spät.Genau das will IntersectionHF sichtbar machen. Der Ansatz der Studie ist intersektional: Nicht ein einzelnes Merkmal steht im Fokus, sondern das Zusammenspiel mehrerer Faktoren. Dafür wertet das Forschungsteam bundesweite Versorgungsdaten aus dem medizinischen Alltag aus, sogenannte Real-World-Daten. Sie zeigen, welche Behandlungen tatsächlich bei den Patientinnen und Patienten ankommen – und welche nicht.
Im Mittelpunkt steht die Frage, ob empfohlene Behandlungen eingesetzt werden: Medikamente, die das Herz entlasten, aber auch technische Hilfen wie Herzschrittmacher oder Defibrillatoren. Internationale Studien belegen bereits, dass Menschen, die leitliniengerecht behandelt werden müssten, diese Therapien oft nicht erhalten. „Diese unzureichende Umsetzung der Leitlinien war bei den vorliegenden Untersuchungen mit einer Verdoppelung der Sterblichkeit verbunden“, erklärt Köppe, die am Institut für Biometrie und Klinische Forschung der Uni Münster tätig ist. „Die Ursachen für die Abweichungen vom Standard sind dabei vielschichtig und noch nicht vollständig bekannt. Systematische Unter- oder Fehlbehandlung bestimmter Patientengruppen, auch im Sinne von Diskriminierung, spielt dabei aber definitiv eine Rolle.“
Ein besonderer Fokus von IntersectionHF liegt ebenfalls auf dem Schlaganfall. Herzschwäche und Schlaganfall beeinflussen sich gegenseitig. Herzerkrankungen können Blutgerinnsel verursachen, die ein Gefäß im Gehirn verstopfen und einen Schlaganfall auslösen. Umgekehrt können Schlaganfälle das Herz schädigen oder bestehende Erkrankungen verschlimmern. Fachleute sprechen hier vom sogenannten Stroke-Heart-Syndrom. „Die durch das Projekt gewonnenen Erkenntnisse können dazu beitragen, das Auftreten der Herzinsuffizienz nach einem Schlaganfall besser vorherzusagen und die Wahrnehmung der Post-Stroke-Herzinsuffizienz zu steigern“, betont Köppe. Langfristig sollen so Versorgungslücken geschlossen und systematische Benachteiligungen sichtbar gemacht werden – unabhängig davon, ob sie mit Geschlecht, Herkunft, Bildung oder anderen Faktoren zusammenhängen.





