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Polyneuropathien besser verstehen: Verbund erhält weitere Förderung für Ergründung des Lipidhaushaltes
Münster (mfm/sk) - Sie betreffen fast jeden dritten Menschen über 60 in Deutschland und sind weltweit für mehr als zehn Millionen verlorene gesunde Lebensjahre verantwortlich: Polyneuropathien. Obgleich ein Massenphänomen, kann dieses Krankheitsbild (kurz: PNP) kaum behandelt werden. Der Grund: Die medizinische Forschung weiß noch immer wenig über das, was im Körper der Betroffenen abläuft. Ein Konsortium aus Essen, Heidelberg, Leipzig und Münster ist auf bestem Weg, das zu ändern. Im Fokus des Verbunds: der Lipidstoffwechsel in den peripheren Nerven, Nun bekommt das interdisziplinäre Team aus Wissenschaft und klinischer Praxis fast zwei Millionen Euro vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR), um seine erfolgreiche Arbeit für weitere zwei weitere Jahre fortzusetzen. Rund 440.000 Euro davon fließen nach Münster.
Die peripheren Nerven, also die, die außerhalb von Gehirn und Rückenmark liegen, sind bei Polyneuropathien geschädigt und in ihrer Funktion beeinträchtigt. Das führt zu Beschwerden, die die Erkrankten erheblich belasten. Unter anderen treten bei ihnen Missempfindungen auf und Lähmungen der Füße und Hände. Um einen neuen Ansatz für Therapien zu finden, untersuchen seit 2022 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mehrerer deutscher Universitäten im Forschungsverbund LINC die lipidreiche Myelinschicht, die jeden Nerv umgibt. Ihre ersten Erkenntnisse sind vielversprechend - was den Bund zu der Anschlussförderung veranlasste.
Das lipidreiche Myelin der Nerven wird von Gliazellen gebildet und funktioniert ähnlich wie eine Isolierung beim Stromkabel. Es schützt die Nervenfasern gegen äußere Angriffe und gewährleistet, dass Reize reibungslos weitergeleitet werden. Die LINC-Beteiligten konnten zeigen: Bei PNP ist das Gleichgewicht der Lipide in der fettreichen Myelinhülle gestört. Das beeinträchtigt einerseits die Funktion von Gliazellen direkt und macht sie anfälliger für Immunreaktionen. Zudem aktiviert es „lipid-erkennende“ Immunzellen, die das gestörte Myelin dann angreifen. Die noch weiter beschädigte Schutzhülle löst wiederum eine Immunreaktion aus - und der Prozess beginnt von vorn.
Umfangreiche Tests im Reagenzglas und an Tiermodellen bestätigten: Dieser Mechanismus gilt für viele PNP-Formen und eröffnet somit erstmals einen Weg zum besseren Verständnis und zur Diagnose der Beschwerden, ganz unabhängig von der Erkrankung, die ihnen zugrunde liegt. Um diese Gemeinsamkeit zu finden, hat das interdisziplinäre Team die facettenreiche Schädigung zunächst genauestens charakterisiert. Dazu baute es in den vergangenen vier Jahren eine Infrastruktur auf, die weitere PNP-Forschung auf Spitzenniveau überhaupt erst ermöglicht. Außerdem wurde in mehreren Teilprojekten unter anderem festgestellt, dass man die Veränderungen der Nerven zu diagnostischen Zwecken nutzen kann.
Mit dem nun bewilligten Geld will das Konsortium Wege entwickeln, um die Forschungsergebnisse ans Krankenbett zu bringen. „Wir bereiten klinische Studien vor, mit denen wir die Diagnose und Therapie der von Neuropathien langfristig verbessern können“, sagt Prof. Gerd Meyer zu Hörste aus der Neurologie des Uniklinikums Münster. Der Weg dahin ist jedoch lang: Bevor es Behandlungsmethoden gibt, die sich praktisch testen lassen, gilt es, die bisherigen Ergebnisse weiter zu festigen; hierfür sind weitere Experimente an menschlichen Zellen sowie Tiermodellen geplant.
Dabei konzentriert sich der Forschungsverbund auf die häufigsten PNP-Unterformen, darunter auch solche, deren Ursachen bisher unklar sind. „Wir wollen die spezifischen genetischen Merkmale und Lipidprofile von unterschiedlichen PNP-Formen definieren, um sie derart diagnostizieren zu können. Zudem können diese Profile auch Auskunft geben über den Krankheitsverlauf“, sagt Priv.-Doz. Dr. Mark Stettner, Neurologe am Uniklinikum Essen. Das langfristige Ziel ist, Tests zu entwickeln, die möglichst breit – beispielsweise in Hausarztpraxen - angewendet werden könnten, um PNP sicher zu diagnostizieren. „Der Bedarf ist schon jetzt riesig und wird in einer alternden Gesellschaft weiter wachsen“, prognostiziert Prof. Meyer zu Hörste.
Hintergrund: Polyneuropathien
Der Begriff der Polyneuropathien beschreibt eine Schädigung der peripheren Nerven. Die Symptome sind oft sehr unangenehm und umfassen zum Beispiel Kribbeln, Stechen und Taubheit, besonders an Armen und Beinen. Zudem können - meist im späteren Verlauf - Lähmungen auftreten und eine Druckempfindlichkeit peripherer Nerven.
Eine PNP kann viele Ursachen haben. Die häufigsten sind Diabetes, Alkoholmissbrauch, bestimmte Medikamente, Vitaminmangel, Leber- und Nierenerkrankungen sowie Infektionen oder Entzündungen wie Borreliose. Auch Tumor- oder erbliche Erkrankungen führen manchmal zur PNP. Vermutlich gibt es viele weitere Gründe, die bisher nicht bekannt sind. Als erste Wahl in der Therapie gilt, dass zunächst die Grunderkrankung behandelt werden muss. Ist diese unbekannt, bleibt bisher nur, die Symptome zu lindern, zum Beispiel mit Schmerzmitteln.





