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Die verborgenen Sinne der Zellen: MPI-Direktorin Sara Wickström erhält Körber-Preis
Hamburg/Münster (ks) - Die finnische Medizinerin und Zellbiologin Sara Wickström erhält den mit einer Million Euro dotierten Körber-Preis für die Europäische Wissenschaft. Sie entdeckte einen bislang unbekannten Mechanismus, mit dem Zellen ihre Umgebung wahrnehmen: Zellen „fühlen“ physische Kräfte wie Druck oder Zug und können sie bis in ihr Erbgut hinein verarbeiten. So können allein durch physische Einwirkung einzelne Gene an- oder ausgeschaltet werden – ein entscheidender Faktor dafür, wie sich eine Zelle entwickelt oder wie Gewebe nach Verletzungen heilt. Damit gilt Wickström, die das Max-Planck-Institut für molekulare Biomedizin in Münster leitet und zugleich kooptierte Professorin der Medizinischen Fakultät der Universität Münster ist, als eine der Begründerinnen der Zellkern-Mechanobiologie, die den Einfluss physischer Kräfte auf Zellen untersucht. Langfristig kann ihre Forschung zur Entwicklung neuer Therapien gegen Krebs, Organvernarbungen und andere, häufig altersbedingte Erkrankungen beitragen.
„Sara Wickström hat die moderne Zellbiologie nachhaltig geprägt“, sagt Edvard Moser, Medizin-Nobelpreisträger und Vorsitzender des Körber-Preis-Komitees für die Lebenswissenschaften. „Ihre Arbeiten zeigen auf, wie Physik und Biologie im Körper zusammenwirken und legen die Grundlage für künftige Fortschritte in der Medizin“. Mit dem Preisgeld von einer Million Euro will Wickström nun untersuchen, wie sich Vernarbungen an Organen wie Haut, Lunge und Nieren verhindern und behandeln lassen.
Das Rätsel um die Zellsteuerung
Auf unsere Zellen wirken ständig physische Kräfte: Haut wird gedehnt, wenn wir uns bewegen, Organe verändern ihre Form beim Wachstum und Gewebe ist Verletzungen ausgesetzt. Lange war unklar, wie Zellen diese Reize wahrnehmen und warum sie so unterschiedlich reagieren – warum etwa manche Wunden Narben hinterlassen, andere aber nicht. Die Forschung ging davon aus, dass Zellen vor allem durch ihr genetisches Programm und chemische Botenstoffe gesteuert werden. Die Rolle physischer Kräfte war weitgehend unbekannt.
Wickströms Erkenntnisse veränderten diese Sichtweise grundlegend. Den entscheidenden Durchbruch erzielte die heute fünfzigjährige Forscherin bereits 2016. Sie entschlüsselte den Mechanismus, durch den physische Kräfte von der Zelloberfläche bis in den Zellkern weitergeleitet werden. Dort wirken sie auf die DNA ein und beeinflussen dadurch, welche Gene aktiv sind und welche abgeschaltet werden.
Entgegen dem damaligen Forschungsstand war damit klar, dass Gene neben chemischen Signalen auch die physikalischen Eigenschaften ihrer Umgebung wahrnehmen und auf diese reagieren. Ob ein Gewebe etwa gedehnt oder zusammengedrückt wird, kann darüber entscheiden, wie sich Zellen entwickeln und welche Aufgaben sie übernehmen. „Damals dachte ich: Wenn das stimmt, dann ist das etwas wirklich völlig Neues“, sagt Wickström.
Von der Erkenntnis zur Anwendung
Die Bedeutung dieser Entdeckung reicht weit über die Grundlagenforschung hinaus. Heute gilt als gesichert, dass physische Kräfte nahezu alle Gewebe des Körpers beeinflussen, von der Entwicklung von Embryos über die Wundheilung bis zum Alterungsprozess. Wickström konnte zeigen, dass Zellen ihre Umgebung fortlaufend „abtasten“ und sich an sie anpassen. Damit gilt sie als eine der Begründerinnen der modernen Zellkern-Mechanobiologie – eines neuen Forschungszweigs, der untersucht, wie die physische Umgebung von Zellen durch Kommunikation mit dem Zellkern deren Verhalten prägen.
Besonders wichtig ist dies für Krankheiten wie die sogenannten Fibrosen, bei denen Zellgewebe an Organen wie Haut, Lunge oder Nieren vernarbt. Diese in der Öffentlichkeit wenig bekannten Erkrankungen gehören zu den großen medizinischen Herausforderungen und tragen weltweit zu einem erheblichen Teil der Sterbefälle bei. Auch bei Krebs verändert sich die Umgebung der Zellen tiefgreifend. Tumore versteifen das umliegende Gewebe und beeinflussen dadurch das Verhalten von Krebs- und Immunzellen. Wickströms Arbeiten eröffnen neue Möglichkeiten, solche Prozesse früher zu erkennen und gezielt zu beeinflussen.
Mit dem Preisgeld will Wickström untersuchen, ob Zellen ein „Gedächtnis“ für Verletzungen und mechanische Belastungen entwickeln. Ihre Vermutung: Krankhafte Veränderungen des Gewebes könnten Spuren im direkten Umfeld der DNA hinterlassen und Zellen langfristig in einem schädlichen Zustand festhalten. Die Forscherin möchte herausfinden, wie solche biologischen Erinnerungen entstehen und ob sie sich beeinflussen lassen. Langfristig könnten daraus neue Ansätze entstehen, um krankhafte Vernarbungen zu verhindern, chronische Wunden besser zu heilen oder Organe vor fortschreitender Fibrose zu schützen.
Die Forscherin
Sara Wickström ist Direktorin am Max-Planck-Institut für molekulare Biomedizin in Münster und Forschungsdirektorin an der Medizinischen Fakultät der Universität Helsinki. Die 1976 geborene Finnin absolvierte nach ihrem Medizinstudium an der Universität Helsinki ein MD/PhD-Programm, welches sie 2001 mit dem Titel ‚Medical Doctor‘ und 2004 mit einer Doktorarbeit (PhD) abschloss. Nach ihrer Promotion forschte sie am Max-Planck-Institut für Biochemie in Martinsried bei München, bevor sie 2010 eine eigene Forschungsgruppe am Max-Planck-Institut für Biologie des Alterns in Köln aufbaute. International bekannt wurde sie als eine der Begründerinnen der Zellkern-Mechanobiologie. Für ihre Forschung erhielt Wickström zahlreiche internationale Auszeichnungen und wurde 2020 in die Europäische Organisation für Molekularbiologie (EMBO) gewählt.
Der Körber-Preis
Der Körber-Preis für die Europäische Wissenschaft wird Sara Wickström am 18. September 2026 im Großen Festsaal des Hamburger Rathauses überreicht. Der mit einer Million Euro dotierte Körber-Preis zählt zu den weltweit höchstdotierten Forschungsawards. Die Preissumme ist für Forschung und Wissenschaftskommunikation einzusetzen, zehn Prozent dürfen für persönliche Zwecke verwendet werden. Die Körber-Stiftung zeichnet mit dem Körber-Preis seit 1985 jährlich einen Forschungsdurchbruch in den Physical oder den Life Sciences in Europa aus. Prämiiert werden exzellente und zukunftsweisende Forschungsansätze mit hohem Anwendungspotenzial. Nach Verleihung des Körber-Preises erhielten bislang acht Preisträgerinnen und Preisträger den Nobelpreis.
Die Übergabe bildet zugleich den Höhepunkt des „Hamburg Science Summit“. Die von der Körber-Stiftung und der Hamburger Wissenschaftsbehörde organisierte Konferenz bringt am 17. September europäische Spitzenkräfte aus Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Think-Tanks zusammen, um über die Zukunft von Wissenschaft und Innovation in Europa zu diskutieren.


