Vom OP-Saal in die Tapas-Küche: Oralchirurg Stefan Reinhardt startete als Gastronom noch einmal neu

Zweitkarriere nach über 30 Jahren am Behandlungsstuhl: Mit der Eröffnung des La Seu an der Hüfferstraße begann für Zahnarzt Stefan Reinhardt ein neues Kapitel (Foto: A. J. Schrader)

Stefan Reinhardt mit seinem Team bei einer Zahn-OP: Hier wurde ein Implantat im Unterkiefer freigelegt (Foto: privat)

Münster (mfm/ajs) – Die Handgriffe sitzen, wenn er hinter der Theke steht: Mehrmals die Woche arbeitet Stefan Reinhardt als Barkeeper - in seinem eigenen Restaurant. Beim Cocktailmixen im La Seu in Münster hat er eine neue Leidenschaft entdeckt. Mit seinem langjährigen Arbeitsumfeld, dem OP-Saal, hat das Restaurant auf den ersten Blick wenig gemeinsam. Dabei war die Chirurgie lange ein Lebensmittelpunkt für Reinhardt: Nach seinem Studium an der Universität Münster setzte der 68-Jährige über 30 Jahre lang täglich Zahnimplantate ein und führte Operationen an Mund und Kiefer durch.

Der „wohlverdiente Ruhestand“ war Reinhardts Sache danach allerdings nicht - 2023 entschied er sich für einen Neustart: „Einfach deshalb, weil ich schon so lange als Zahnarzt tätig war und noch mal etwas anderes ausprobieren wollte“. Der Mediziner hatte Lust, einen Ort zu schaffen, an dem Menschen sich amüsieren können. „Ursprünglich war es mein Traum, eine Disco zu betreiben“, erinnert sich Reinhardt. Als während der Corona-Pandemie viele Clubs pleitegingen, nahm er davon erst mal Abstand – und schaute sich weiter um. Eine Überlegung: Tapas. Die gefielen Stefan Reinhardt schon immer besonders gut. Vor allem die spanischen Fleischbällchen Albondigas bestellte er sich in seinen regelmäßigen Urlauben auf Mallorca gern. „Es ist eine so gesellige Mahlzeit und für jeden ist etwas dabei. Das finde ich toll“, erzählt er. 

Als das Konzept für das La Seu stand, hörte er, dass sein ehemaliges Stammrestaurant La Gondola d‘Oro an der Hüfferstraße in Münster zu verkaufen war – und schlug zu. Anderthalb Jahre lang ließ Stefan Reinhardt die Räume umbauen. Seitdem läuft das spanische Restaurant auf Hochtouren: Etwa 50 Gäste bewirten Stefan Reinhardt und sein Team an einem Abend. Sechs Tage die Woche ist das La Seu geöffnet, nur sonntags bleibt es geschlossen. „Darauf habe ich bestanden“, sagt Reinhardt lachend, „das ist unser Familientag.“ Meist gebe es dann ein ausgiebiges Frühstück mit seiner Frau und den Kindern. Der Rest des Tages wird dann mit Gesellschaftsspielen, Fernsehen gucken oder gemeinsamen Ausflügen gefüllt. 

Die entspannte Familienzeit ist für den Zahnchirurgen weiterhin nicht selbstverständlich, denn das neue Restaurant macht reichlich Arbeit. Gerade der Einstieg in die Welt der Gastronomie sei herausfordernd gewesen: Personal zu finden, das Team zu managen, Finanzpläne aufzustellen – all das musste er neu lernen. Dennoch ist Reinhardt zufrieden, so ausgelastet zu sein: „Es ist mehr Arbeit als je zuvor in meinem Berufsleben, aber ich liebe es. Irgendwann mal eine ,Couch Potato‘ zu werden, kann ich mir nicht vorstellen“, so Stefan Reinhardt. Seine Tätigkeit als Zahnarzt hat er zudem noch nicht ganz aufgegeben. Einen Tag die Woche arbeitet Reinhardt in der Praxis seiner Frau, die ebenfalls Zahnmedizinerin ist. „Das macht mir auch immer noch Spaß“, betont er.

Zur Zahnmedizin fand Stefan Reinhardt mit 19 Jahren eher zufällig: Um der damaligen Wehrpflicht zu entgehen, entschied er sich 1978 für das Studium in Münster. Zahnmedizin war damals einer der wenigen Studiengänge, durch die er sich vom Dienst bei der Bundeswehr befreien lassen konnte. Doch Reinhardt fand schnell Gefallen am Studium: „Vor allem das Handwerkliche an der Zahntechnik fand ich gut. Ich fühlte mich ein bisschen wie ein Uhrmacher, nur eben mit mehr Verantwortung.“ Auch abseits der Uni habe er eine gute Zeit in Münster gehabt. Besonders gern erinnert Reinhardt sich an seine damalige Wohngemeinschaft im Studierendenwohnheim an der Steinfurter Straße: „Wir waren eine Jungs-WG im siebten Stock und hatten einfach eine geile Zeit. Das war großartig.“ Nachts ging es meist in die damalige Diskothek Obina Shock oder in den Bullenkopp am Alten Fischmarkt. „Wenn wir nicht gerade gelernt haben, haben wir dort die Nacht zum Tag gemacht“, lacht der Alumnus.

Für den angehenden Zahnarzt lief es auch nach dem bestandenen Examen rund: Von 60 Studierenden aus seinem Jahrgang erhielt er eine der nur zwei äußerst begehrten Assistenzarztstellen am Universitätsklinikum Münster. Fünf Jahre lang arbeitete er in der Prothetik der Uniklinik, war zwischendurch im Implantatzentrum tätig und absolvierte schließlich seine Ausbildung zum Fachzahnarzt für Oralchirurgie. 1993 stieg er dann in die oralchirurgische Praxis des Kollegen Dr. Drüke ein und leitete später mit zwei Kollegen das neu gegründete Implantatzentrum. Dem oralchirurgischen Expertenteam kam damals eine besondere Stellung in Münster zu: „Jedes Jahr setzten wir um die 1.000 Implantate ein“, sagt Reinhardt. 

Auch auch wenn in seinem neuen Lebensabschnitt als Restaurant-Inhaber einiges anders ist, fühlt Reinhardt sich an viele positive Aspekte aus dem Arztalltag erinnert: „Im Tapas-Restaurant hat man ebenfalls viel mit Menschen zu tun und muss offen auf andere zugehen.“ Zu wissen, dass das La Seu gut bei den Gästen ankommt, gibt ihm mittlerweile eine gewisse Gelassenheit. Nach über einem Jahr fühlt Stefan Reinhardt sich langsam in der Gastronomiebranche angekommen – auch in seinem Job hinter der Theke des La Seu. „Mittlerweile kann ich jeden Drink auf der Karte mixen, auch Espresso Martini – das ist mein Lieblingsgetränk“, erzählt der Gastronom stolz.      Alexandra Julia Schrader

Mit diesem Bericht setzt der Alumni-Verein „medAlum“ der Medizinischen Fakultät seine Reihe von Porträts ungewöhnlicher „Ehemaliger“ fort. Basis der Serie ist das Absolventenregister von medAlum.

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