News
Ist Traurigkeit messbar? Universität Münster an neuem Forschungsprojekt beteiligt
Münster (mfm/ajs) – Traurigkeit, Angst und Schmerz sind grundlegende Erfahrungen menschlichen Lebens. Zunehmend kommen neuartige Methoden zum Einsatz, die solche affektiven Zustände erfassen, deuten und positiv beeinflussen sollen. Mit Beteiligung der Universität Münster erforscht jetzt ein interdisziplinäres Verbundprojekt, welche Folgen der Einsatz entsprechender Technologien für Medizin und Gesellschaft sowie den Umgang mit menschlichen Gefühlen hat. An dem Projekt beteiligt ist auch Prof. Claudia Bozzaro, Leiterin des Instituts für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin der Universität Münster.
Das Projekt „Shift Affect – Shifted Boundaries“ ist im April 2026 gestartet und wird vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt bis Februar 2029 finanziert. Von der Fördersumme in Höhe von rund einer Million Euro fließen knapp 200.000 Euro an die Universität Münster. „Shift Affect“ geht von der Beobachtung aus, dass Technologien nicht nur dabei helfen können, Angst, Schmerz oder Traurigkeit zu lindern. Sie verändern zugleich, was wir unter diesen Zuständen verstehen und wo die Grenze zwischen einer „normalen“ Erfahrung und einem behandlungsbedürftigen Zustand verläuft. Wenn beispielsweise eine Anwendung Traurigkeit als messbares Muster darstellt oder ein System Angst ab einem bestimmten Schwellenwert als auffällig markiert, verschiebt sich nicht nur die Behandlung, sondern die Kategorie selbst. Dieser Prozess, auf den der Projektuntertitel „Shifted Boundaries“ verweist, steht im Zentrum des Vorhabens.
Eine Technologie, die in diesem Bereich Anwendung findet, ist etwa das Affective Computing, das aus Sprache, Mimik oder Körpersignalen auf Gefühlslagen schließen kann. Ebenso kommen Verfahren der Virtual Reality, der Neuromodulation oder auf Smartphones basierende Anwendungen zum Einsatz, die Stimmungen im Alltag protokollieren. Die Leiterin des Forschungsverbunds, Prof. Orsolya Friedrich von der Universität Köln, sagt: „Unser Ziel ist es, am Ende ethisch fundierte Empfehlungen für eine verantwortungsvolle Entwicklung, klinische Anwendung und Regulierung von Technologien bereitzustellen, die menschliche Gefühle erfassen, analysieren sowie modulieren.“
Dafür hat das Team bereits Schritte unternommen: Die Forschenden arbeiten den aktuellen Forschungsstand systematisch auf und haben Interviewleitfäden erstellt. So wollen sie die Perspektiven von Betroffenen und Expertenteams einbeziehen. Parallel dazu planen die Projektleitungen eine Online-Vortragsreihe sowie einen Workshop für März 2027 in Köln zum Thema „Emotionen und Technik“. Dabei wollen sie mit führenden Stimmen aus Philosophie, Technik und Medizin ins Gespräch kommen, aber auch mit interessierten Bürgerinnen und Bürgern.
Gemeinsam analysieren die Forschungsteams von den Universitäten Köln, Münster, Tübingen und dem Karlsruher Institute of Technology welche Folgen die untersuchten Verschiebungen haben könnten. In ihrem Fokus stehen dabei die Auswirkungen auf die klinische Praxis, für das Verhältnis zwischen Behandelnden und Betroffenen und für gesellschaftliche Vorstellungen von Normalität, Gesundheit und Krankheit. Erste Ergebnisse werden für Ende 2027 erwartet.

