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Ionenkanäle in Spermien als mögliche Gamechanger: Millionenförderung für Erforschung neuer Verhütungsmethoden
Das münstersche Contraception.MS-Team (v.l.n.r.): Prof. Oliver Koch (Institut für Pharmazeutische und Medizinische Chemie), Prof. Frank Tüttelmann (Centrum für Medizinische Genetik), Prof. Sabine Kliesch (CeRA), Prof. Guiscard Seebohm (Institut für Genetik von Herzerkrankungen), Prof. Timo Strünker, Dr. Vera Minneker, Dr. Christoph Brenker (alle drei: CeRA) und Prof. Christos Gatsogiannis (Center for Soft Nanosciences) (Foto: Uni MS/E. Wibberg)
Münster (mfm/ts-ajs) – Seit nunmehr 66 Jahren sind es ausschließlich Frauen, die Präparate zur Empfängnisverhütung einnehmen – die „Pille“. Ein Pendant für den Mann gibt es nicht. Nun will der Forschungsverbund Contraception.MS neue Ansätze für nicht hormonelle Verhütungsmethoden für beide Geschlechter untersuchen. Dafür stellt das Bundesministerium für Forschung, Technik und Raumfahrt (BMFTR) drei Millionen Euro bereit. Mit der Förderzusage erläutert das Expertenteam aus Münster und Hamburg die Schwerpunkte der Arbeit.
Konkret geht es bei dem Projekt darum, Wirkstoffe zu entwickeln, die wichtige „Schleusenproteine“ - sogenannte Ionenkanäle - in der äußeren Hülle menschlicher Spermien blockieren. Die „Sperrung“ der Kanäle soll verhindern, dass die Spermien die Eizelle befruchten. „Die Wirkstoffe könnten zukünftig als nicht-hormonelle Verhütungsmittel sowohl von Frauen als auch Männern genutzt werden“, sagt Contraception.MS-Koordinator Prof. Timo Strünker vom Centrum für Reproduktionsmedizin und Andrologie (CeRA) der Universität Münster. Die beiden Ionenkanäle, die im Fokus stehen, heißen „CatSper“ und „Slo3“. Sie kontrollieren den Kalzium-Haushalt der Spermien - und dadurch deren Motilität, sprich: ihre Fortbewegungsfähigkeit. Entscheidend ist, dass beide Kanäle ausschließlich in Spermien vorkommen. Daher sollten Wirkstoffe, die hochspezifisch einen davon blockieren, keine oder nur sehr geringe Nebenwirkungen haben.
Für die Entwicklung vereint Contraception.MS Forschende aus der Pharmakologie, Pharmazie, Strukturbiologie, Andrologie und Genetik. Der Verbund besteht aus einem achtköpfigen Team, vom dem sieben Mitglieder an der Universität Münster angesiedelt sind. Komplettiert wird die Arbeitsgruppe durch eine Wissenschaftlerin von der Universität Hamburg.
In dem Forschungsprojekt kommen modernste Technologien wie die Kryo-Elektronenmikroskopie zum Einsatz. Damit sollen hochaufgelöste 3D-Aufnahmen der Ionenkanäle gewonnen werden, von denen sich das Team erhofft, damit die Wirkung der Kanal-Blocker auf molekularer Ebene zu verstehen. Diese Daten werden dann für ein zielgerichtetes Wirkstoffdesign herangezogen. Unterstützt wird dieser Prozess durch künstliche Intelligenz.
Die Forschungsergebnisse, die in der dreijährigen Projektlaufzeit gewonnen werden, sollen es ermöglichen, die Wirkstoffe anschließend schrittweise weiterzuentwickeln. Idealerweise wirken dabei auch Partner aus der Industrie mit. Ungewöhnlich für ein Projekt dieser Ausrichtung: Kommunikation und übergeordnete Vernetzung sind von vornherein „mitgedacht“. „Wir möchten möglichst viele Menschen über die neuen Ansätze in der Verhütungsmittelforschung informieren. Es soll transparent über die aktuellen Forschungsaktivitäten informiert werden. Dabei beziehen wir potenzielle Verbraucherinnen und Verbraucher interaktiv mit ein“, so Prof. Strünker. Neben Contraception.MS fördert das BMFTR noch drei weitere Forschungsverbünde, die jeweils unterschiedliche Ansätze für neue Verhütungsmethoden verfolgen. „Wir werden die Wissenschaftskommunikation alle gemeinsam vorantreiben, uns regelmäßig zu unseren Forschungsaktivitäten austauschen und eng zusammenarbeiten“, kündigt der Biochemiker an.






