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„Das ist ein kleines Wunderwerk“: Medizinerin Katrin Neumann über Stimmforschung und die Singstimme

Professionelle Sängerinnen und Sänger leisten mit ihrer Stimme sehr viel (Symbolfoto: stock.adobe.com - track5)

Prof. Katrin Neumann (Foto: privat)

Münster (upm/kk) - Wie bleibt die Stimme auf der Opernbühne gesund, wenn sie Höchstleistungen erbringen muss? Und was kann die Wissenschaft dazu beitragen? Diese Fragen stehen im Mittelpunkt der Jahrestagung des Collegium Medicorum Theatri (CoMeT), die vom 15. bis 17. Oktober in Münster stattfindet. Kathrin Kottke sprach mit Prof. Katrin Neumann von der Medizinischen Fakultät der Universität Münster, die zugleich als Direktorin der Klinik für Phoniatrie und Pädaudiologie am Universitätsklinikum Münster (UKM) arbeitet, über die erstaunlichen Fähigkeiten der menschlichen Stimme, typische Stimmprobleme und neue Erkenntnisse aus der Forschung. 

Was macht die Stimme aus wissenschaftlicher Sicht so faszinierend?

Die menschliche Stimme ist ein erstaunlich leistungsfähiges Organ. Die Stimmlippen, umgangssprachlich oft Stimmbänder genannt, sind bei Männern etwa 2,2 Zentimeter und bei Frauen rund 1,6 Zentimeter lang. Der Stimmumfang, den wir durch Verlängerung und Verkürzung erreichen, ist mit dem einer Gitarre vergleichbar. Auch der sogenannte Vokaltrakt, zu dem der obere Teil des Kehlkopfes, der Rachen und der Mundraum gehören, ist ein kleines Wunderwerk. Er ist bei Männern nur etwa 17 Zentimeter lang und leistet Ähnliches wie das rund zwei Meter lange, aufgerollte Rohr einer Trompete.

Vor allem professionelle Sängerinnen und Sänger müssen mit diesem kleinen Organ viel leisten. Was hat das für Auswirkungen auf die Stimme?

Eine Opernsängerin muss beispielsweise auch die hintersten Reihen eines Opernsaals erreichen, selbst wenn sie sehr leise singt – und das ohne Mikrofon. Bei besonders anspruchsvollen Opernpassagen können die Drücke, die die Stimmlippen zum Schwingen bringen, das Fünf- bis Zehnfache des normalen Sprechdrucks erreichen – in Extremfällen sogar noch mehr. Das darf allerdings nicht automatisch zu einer entsprechend höheren mechanischen Belastung der Stimmlippen führen. Entscheidend ist, Schädigungen zu vermeiden. Dafür ist eine gute Stimm-, Sprech- und Gesangstechnik wesentlich.

Die Stimme ist schließlich das Kapital der Sängerinnen und Sängern …

Deshalb steht die Erhaltung ihrer Gesundheit im Mittelpunkt unserer Arbeit. In der Zusammenarbeit von Ärzten, Sängerinnen, Gesangspädagogen sowie Stimmwissenschaftlerinnen geht es darum, Gesangstechniken und ihre Herausforderungen besser zu verstehen. Dazu gehören beispielsweise Registerwechsel, Resonanzstrategien, die Auswahl des passenden Repertoires sowie das Erkennen und Verbessern individueller gesangstechnischer Schwächen.

Welche Probleme können entstehen, wenn die Stimme dauerhaft stark beansprucht wird?

Typische Zeichen einer Fehl- oder Überlastung zeigen sich vor allem an den Stimmlippen im Kehlkopf. Ein Beispiel sind die sogenannten Sängerknötchen. Diese Schwellungen, Wassereinlagerungen und Verhornungen entstehen durch zu heftige Zusammenstöße der Stimmlippen beim Schwingen. Besonders betroffen sind hohe weibliche Stimmen, etwa Soprane, aber auch Rock- und Popsängerinnen. Darüber hinaus können Stimmlippenzysten, Einblutungen, erweiterte Blutgefäße oder Sulci auftreten. Letztere sind Rillen in den Stimmlippen. Auch der Wechsel zwischen den verschiedenen Tonhöhenbereichen, den sogenannten Registern, kann Schwierigkeiten bereiten. Bei älteren Opernsängerinnen und Opernsängern können zudem hormonelle Veränderungen in den Wechseljahren eine Rolle spielen. Oft gerät dann das Vibrato, also das leichte Schwanken der Tonhöhe beim Singen, außer Kontrolle, oder die Höhe der Singstimme nimmt ab.

Wie können Sängerinnen und Sänger solchen Problemen vorbeugen?

Es ist wichtig, die Anatomie und Funktionsweise des eigenen Stimmapparats zu kennen. Hier leisten Stimmwissenschaft und Stimmmedizin einen wichtigen Beitrag. Bei der Konferenz wird beispielsweise deutlich, wie eng Forschung und Ausbildung zusammenhängen. Fachleute aus der Phoniatrie – also dem medizinischen Fachgebiet, das sich mit Stimme, Sprache und Sprechen befasst – unterrichten Gesangsstudierende in Stimmphysiologie, Stimmhygiene und dem Erhalt der künstlerischen Stimme.

Welche Erkenntnisse können Medizin, Wissenschaft und Gesangspädagogik voneinander gewinnen?

Die Tagung bringt unterschiedliche Perspektiven zusammen. Prof. Johan Sundberg, einer der international bekanntesten Stimmwissenschaftler vom Karolinska-Institut in Stockholm, spricht über günstige Resonanzstrategien und die Kräfte, die die Stimmgebung antreiben. Andere Teilnehmende berichten über operative Eingriffe, die beispielsweise bei Stimmlippenknötchen, Zysten oder Einblutungen helfen können. Darüber hinaus werden Beiträge präsentiert, die sich damit beschäftigen, wie Singen in der dynamischen Magnetresonanztomographie sichtbar wird oder welche Hirnaktivität mit Ohrwürmern verbunden ist. Auch psychologische Aspekte gehören dazu. So spricht eine Expertin darüber, wie sich Lampenfieber und Auftrittsangst bewältigen lassen. An einem Runden Tisch werden typische gesangstechnische Probleme und die Fallstricke erörtert, mit denen Sängerinnen und Sänger konfrontiert sind.

Ein Schwerpunkt der Tagung liegt auf der praktischen Arbeit mit der Stimme. Worauf freuen Sie sich besonders?

Wir freuen uns besonders auf zwei Workshops mit Annette Goeres aus Berlin und Lisa Popeil aus Los Angeles. Beide sind als Sängerinnen tätig und arbeiten zugleich in den Bereichen Gesangspädagogik und Gesangstherapie. In den Workshops zeigen sie den Sängerinnen und Sängern sowie Gesangsstudierenden, wie gesundheitliche und technische Probleme der Singstimme angegangen werden können. Außerdem demonstrieren sie, wie sich besondere Stimmeffekte erzeugen lassen und wie diese beispielsweise im Jazz, beim Belting sowie im Pop- und Rockgesang eingesetzt werden. Kein Wunder, dass sich für diese Workshops besonders viele Studierende der Musikhochschule Münster angemeldet haben.

Prof. Katrin Neumann ist Fachärztin für Phoniatrie und Pädaudiologie und für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Professor of Population Medicine of Communication Disorders und Direktorin der Klinik für Phoniatrie und Pädaudiologie am Universitätsklinikum Münster.

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