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Auch die „Mexiko-Grippe“ ist ein Thema: Vier Tage lang wird Münster zum Epizentrum der Epidemiologie

Prof. Hans-Werner Hense (l.) und Prof. Ulrich Keil präsentieren vor dem Dekanat der Medi-zinischen Fakultät die Veranstaltungsposter (Foto: FMZ/Deiters)

Münster (mfm/tb) – Sie arbeiten mit Statistiken statt mit dem Skalpell. Womit sich Epidemiologen befassen, wissen daher nur die wenigsten Patienten. Dabei kommt dieser Fachdisziplin in der Medizin nicht erst seit „Schweinegrippe“ oder „alternder Gesellschaft“ eine Schlüsselrolle zu: Sie untersucht die Faktoren, die zu Gesundheit und Krankheit des Einzelnen sowie der Bevölkerung beitragen und liefert damit die Basis für Maßnahmen im Sinne der Volksgesundheit. Münster ist eine ihrer Hochburgen - und daher ab Mittwoch [16.09.] nicht zufällig Schauplatz von gleich drei großen Tagungen: Vier Tage lang wird die Stadt zum Treffpunkt von über 400 deutschen und ausländischen Epidemiologen.
Den Auftakt macht ein eintägiges Symposium zur Rolle von Krebsregistern bei der Bewertung des Erfolges von Früherkennungsmaßnahmen. Tagungsleiter Prof. Hans-Werner Hense, Geschäftsführer des in Münster ansässigen Krebsregisters für Nordrhein-Westfalen, wird zu dieser Veranstaltung neben Kollegen aus Deutschland auch solche aus Norwegen und den Niederlanden begrüßen können.
Die werden überwiegend auch danach noch in der Stadt bleiben, denn das Krebsregister-Treffen ist ein Vor-Symposium für die am Donnerstag beginnende Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie (DGEPI). „Dazu erwarten wir über 300 Wissenschaftler aus Deutschland und dem angrenzenden Ausland“, freut sich Hense, der auch dieses Treffen organisiert hat. Die Tagung im Lehrgebäude der Medizinischen Fakultät umfasst rund 50 Einzelveranstaltungen. Im Mittelpunkt steht die Analyse komplexer genetischer, umwelt- und verhaltensbezogener Ursachen von klinisch relevanten Krankheiten; einbezogen sind auch psycho-soziale und wirtschaftliche Aspekte. „Neben der Ursachenforschung richtet sich der Fokus epidemiologischer Forschung heute vor allem auf die Planung und Bewertung von Maßnahmen zur Prävention“, so Prof. Hense.
Ein zentrales Thema der DGEPI-Tagung ist die Vorbereitung der bisher größten epidemiologischen Studie in Deutschland. „Die Erforschung ursächlicher Zusammenhänge erfordert in unserem Fach große Langzeitstudien“, erläutet Prof. Hense. Zurzeit plane die Helmholtz-Gesellschaft daher gemeinsam mit verschiedenen universitären Epidemiologie-Instituten eine bundesweite Erhebung, bei der etwa 200.000 Teilnehmer untersucht und über mehrere Jahre beobachtet werden sollen. Die Vorbereitung dieser so genannten „Nationalen Kohorte“, in der unter anderem die Rolle von genetischen Faktoren bei der Entstehung von Diabetes, Krebs, Demenz und anderen chronischen Krankheiten untersucht werden soll, wird in Münster Gegenstand mehrerer Arbeitsgruppen und einer Plenardiskussion sein.
Um aktuelle Defizite in der deutschen Epidemiologien-Ausbildung geht es in einer weiteren Plenardiskussion. Einen Höhepunkt bildet auch der Vortrag von Dr. Andrea Ammon vom European Center of Disease Control (ECDC) in Stockholm: Die deutsche Infektionsepidemiologin, die eng mit der Universität Münster zusammenarbeitet, wird die aktuelle Einschätzung des ECDC zur Risiko-Entwicklung der pandemischen Neuen Influenza („Mexiko-Grippe“) für Europa vorstellen.
Wenn die DGEPI-Tagung am Samstag endet, wartet noch ein besonderes Highlight auf die Teilnehmer: Nahtlos schließt sich ein internationales Symposium an, dass sich mit der Effizienz von Prävention zu nicht-ansteckenden Krankheiten beschäftigt. Die Veranstaltung verdeutlicht die starke internationale Ausrichtung der münsterschen Epidemiologie: „Anlass des Symposiums ist die Tatsache, dass wir nun schon seit 15 Jahren Kollaborationszentrum der Weltgesundheitsorganisation (WHO) der Vereinten Nationen sind“, sagt Prof. UIrich Keil, Direktor des als Veranstalter auftretenden Instituts für Epidemiologie und Sozialmedizin der Universität Münster.
Die Schwerpunkte der – erst im Frühjahr erneut verlängerten - Kooperation zwischen dem Institut und der WHO spiegeln sich auch im Programm wider, für das sich über 100 Wissenschaftler angemeldet haben. So geht es vorrangig um kardiovaskuläre (Herz/Gefäß-bezogene), neurologische, Atemwegs- und Krebserkrankungen. Zehn Vorträge von Referenten aus sechs Ländern, darunter Vertreter der renommiertesten epidemiologischen Forschungseinrichtungen Europas, unterstreichen den Stellenwert des Symposiums.
Den internationalen Austausch nicht nur fortzusetzen, sondern noch zu intensivieren, hält Keil für zwingend notwendig: „Egal, wohin Sie schauen: Die Probleme ähneln sich. Und in den meisten Ländern wird weiterhin zu viel für Pillen und zu wenig für die Vorbeugung ausgegeben“. Als Beispiel für das, was mit einem Kurswechsel erreichbar wäre, nennt er den Rückgang bei den kardiovaskulär bedingten Todesfällen von jährlich zwei bis drei Prozent in vielen Industrienationen. Er geht nach Expertenmeinung überwiegend auf verbesserte Prävention und Nachkontrolle zurück. „Solche Erfolge ließen sich auch bei anderen Krankheiten erreichen – wenn man nur will“, sieht Keil große Herausforderungen für die Zukunft seines Fachgebietes.
Link zur DGEPI-Jahrestagung
Link zum Krebsregister NRW

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