„Zuhören, zuhören und zuhören“: Alumni der Uni Münster verbinden im Med.Café Beratung mit Zugewandtheit
Medizinische Beratung im konzentrierten Plauderton: Dr. Christiane Bigalke (r.) vom Med.Cafe im Gespräch (Foto: Uni MS/J. Gülker)
Münster (mfm/jg) – Die Verabschiedung ist warmherzig. „Ich fand das Gespräch ja ganz toll“, sagt die eine Frau. „Das finde ich auch“, die andere. Ein Wiedersehen von alten Freundinnen? Nein – das Ende eines medizinischen Beratungsgespräches. Keines in einer ärztlichen Praxis, sondern eines im Med.Café in Münster, einer bundesweit einmaligen, überwiegend von Alumni der Uni Münster betriebenen Einrichtung. Trotz aller wahrnehmbarer Empathie gelten auch dort die Regeln ärztlichen Handeln – wie professionelle Distanz.
Jeden vierten Mittwoch im Monat finden im „Alten Backhaus“ an der Coerdestraße pensionierte Ärztinnen und Ärzte zusammen, um bei medizinischen Angelegenheiten aller Art kostenfrei zu beraten. „Viele haben ein typisches Problem: Sie sind nicht viel jünger als ich. Da gibt es häufig Schwierigkeiten mit den Knien, der Hüfte oder der Prostata“, erklärt Dr. Christiane Bigalke, die an der Medizinischen Fakultät der Universität Münster studiert hat – wie acht der neun beratenden Ärzte. Um den unterschiedlichen Fällen angemessen begegnen zu können, versammelt das Med.Café Medizinerinnen und Mediziner verschiedener Fachrichtungen. Bigalke war zum Beispiel als Internistin tätig und Dr. Peter Dahm als Allgemeinmediziner; Prof. Manfred Arndt leitete als Chefarzt die Chirurgie am Josephs-Hospital Warendorf, Prof. Gerhard Buchkremer – der mittlerweile verstorben ist – die Tübinger Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Letzterer führte seine Gespräche wegen der sensiblen Themen in einem eigenen Raum im Obergeschoss; bisweilen setzten sich bei komplexen Problemen auch mehrere Beratende zusammen. „Was uns noch fehlt, ist ein Urologe“, ergänzt Bigalke.
An diesem Mittwoch haben sich 15 Hilfesuchende angemeldet – „absolute Obergrenze“, betont Dahm, ebenfalls Alumnus der Medizinischen Fakultät Münster und Gründer des Med.Cafés. Bereits eine Stunde vor Sitzungsbeginn hat er mit seiner Cousine, Christiane Bigalke, Kaffee und Gebäck bereitgestellt sowie die Holztische in den unaufgeregt, doch behaglich gestalteten Räumen des Alten Backhauses zusammengeschoben. Mittlerweile erfüllt ein vertrauliches Stimmengewirr das Zimmer; einige der Beratenden beugen sich konzentriert über medizinische Unterlagen, die die Patientinnen und Patienten mitgebracht haben. Doch was bedeutet noch mal ein niedriger Hämatokrit-Wert im Blutbild? Und ist das neue Hüftgelenk wirklich so alternativlos, wie in dem Befund beschrieben?
Für Fragen dieser Art ist das Med.Café die richtige Anlaufstelle, denn: „Wir sind Übersetzer“, fasst Dahm den eigenen Aufgabenbereich zusammen. Dazu zählt etwa, Fachbegriffe aufzulösen, Werte einzuordnen und bei der Einnahme von Medikamenten zu beraten. „Wir mischen uns aber nicht in die Behandlungen der praktizierenden Ärzte ein. Wir unterstützen die Leute so, dass ihnen Entscheidungen im Zusammenhang mit der eigenen Gesundheit leichter fallen.“
Auch heute ist der Erfolg dieses Ansatzes erkennbar. Trotz des mitunter sogar heiteren Plaudertons vertrauen die Patienten dem Med.Café ihre Probleme an: „Ich hab‘ Angst vor dieser Pille, wenn ich sie sehe“, hört man da heraus, „als ich das gegoogelt habe, war das ganz schrecklich“ oder auch „ich kann nicht mehr – ich stehe ganz alleine da“. Wie führt man solch ein Gespräch? Laut Dahm brauche es dreierlei: „Zuhören, zuhören und zuhören“. Das Med.Café verbindet also medizinische Beratung mit menschlicher Zugewandtheit. Empathie ist dabei wichtiger als die Fachdisziplin des Beratenden, um den Menschen genügend Raum zu geben, ihre Sorgen und Nöte offenzulegen. Ein Vorteil gegenüber der Arztpraxis besteht zudem darin, dass man sich mehr Zeit für die individuellen Fälle nehmen kann; die längsten Gespräche dauern bis zu einer Stunde.
Was treibt die pensionierten Mediziner an, zumal ihr Engagement ehrenamtlich ist? „Ich mache es für mich“, sagt Bigalke und strahlt. „Es bereitet mir einfach Spaß, anderen zu helfen“. Auch der Gründer Dahm wollte nach seiner Zeit als praktizierender Arzt ein Ehrenamt ausüben. Während eines Urlaubs in der Schweiz lernte er das Café Med der Akademie Menschenmedizin kennen, das insgesamt in zehn Städten betrieben wird. Er nahm sich vor, das niedrigschwellige Konzept nach Deutschland zu bringen – genauer gesagt nach Münster, seinem Studienort. „Dass das klappen kann, daran habe ich erst nicht geglaubt“, erzählt er. Und irrte sich gewaltig: Mittlerweile gibt es das Med.Café über drei Jahre und es findet bereits erste Nachahmer; in Warendorf und Bramsche gibt es nun auch ähnliche Angebote. Das gelingt nur dank eines engagierten Teams, weiß der Gründer: „Ich bin begeistert davon, wie die Kollegen das alles mitmachen.“
Seinen Anteil am Erfolg des Med.Cafés hat auch das Alte Backhaus, mitten im Kreuzviertel gelegen. Als Bildungs- und Begegnungsstätte für Senioren unterstützt es verschiedene Veranstaltungen für ältere Leute, darunter eine Malgruppe für Menschen mit Parkinson. „Wir sind ganz froh, dass uns die Räume zur Verfügung gestellt werden“, so Dahm – und diese Freude basiert auf Gegenseitigkeit. „Es ist toll, dass sich so viele engagierte pensionierte Ärzte finden“, hebt Ilona Zühlke vom Team des Alten Backhauses hervor. „Das Med.Café ist unser Aushängeschild.“
Sowohl das Alte Backhaus als auch das Med.Café sind daher mehr als glücklich mit der Zusammenarbeit. Doch was ist mit der eingangs erwähnten Frau, die von Bigalke beraten wurde? „Ich weiß jetzt, wo mein Weg hingeht“, antwortet sie, ohne lange nachzudenken. Bezüglich ihrer Gesundheit sei sie einen Schritt vorangekommen, fügt sie noch an. Die „Übersetzung“ ist wieder einmal geglückt – medizinisch wie menschlich.
Hinweis: Sie haben Interesse an einem kostenlosen Beratungsgespräch im Med.Café? Dann besuchen Sie die Website des Alten Backhauses.
Text: Julian Gülker
Mit diesem Bericht setzt der Alumni-Verein „medAlum“ der Medizinischen Fakultät Münster seine Reihe von Porträts ungewöhnlicher „Ehemaliger“ fort. Basis der Serie ist das Absolventenregister von medAlum.






