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Vom Olympioniken zum Orthopäden: Steffen Brand übersprang nicht nur im Sport alle Hindernisse

Mit der Startnummer 787 bei Olympia: Steffen Brand erreichte 1992 in Barcelona im 3.000-Meter-Hindernislauf den fünften Platz (Foto: privat)

Steffen Brand in seinem diesjährigen Urlaub in Schweden. (Foto: privat)

Münster (mfm/ajs) – Wenn Steffen Brand aus seiner Lüneburger Haustür tritt, steht er schon fast im Wald. Mehrmals pro Woche schlüpft der Orthopäde hier in seine Sportschuhe und beginnt zu laufen oder schwingt sich auf sein Rennrad. Heute geht es dem 61-Jährigen dabei vor allem um Ausgleich und Wohlbefinden. Als ehemaliger Profisportler war er jedoch lange ein anderes Pensum gewöhnt: Mehr als 15 Jahre lang betrieb der Sportmediziner intensiven Leistungssport und qualifizierte sich im 3.000-Meter-Hindernislauf zweimal für die Olympischen Spiele – auch während seines Medizinstudiums an der Universität Münster. 

Die Teilnahme bei den internationalen Wettkämpfen bezeichnet er heute als persönliche Höhepunkte seiner Laufbahn. 1992 erreichte Brand in Barcelona den fünften Platz, 1996 in Atlanta den sechsten. Auch bei der Weltmeisterschaft 1995 in Göteborg lief er vorne mit (Platz 4), gewann mit der Nationalmannschaft zweimal den Europa Cup und wurde mehrfach Deutscher Jugendmeister, Juniorenmeister und Deutscher Meister. „Bei Olympia vor einer Kulisse von 65.000 Menschen anzutreten und einen Erfolg zu erzielen, das ist wirklich das Größte für einen Sportler“, betont der Athlet. Dennoch sei der enorme Leistungsdruck zwischenzeitlich sehr belastend gewesen. Er habe große Angst gehabt, bei Olympia keine guten Ergebnisse zu erzielen – auch, weil sein Traum einige Jahre zuvor vorläufig geplatzt war: 1988 kostete ein Bänderriss in den Wettkampfvorbereitungen Brand die erhoffte Olympia-Teilnahme. In solchen Momenten habe er realisiert, wie eng Erfolg und Niederlage im Sport beieinander liegen. „Die Anspannung in solchen Zeiten ist unvorstellbar groß. Und dann eine Verletzung. Das hat mich einige Tränen gekostet“, räumt Steffen Brand ein. 

Zugleich motivierten diese Tiefpunkte ihn dazu, dem Sport auch in seiner Berufsausbildung viel Raum zu geben. Schon früh in seiner Arztkarriere merkte er, dass seine persönlichen Erfahrungen ihm in der Medizin helfen können. Im Sommersemester 1985 nahm der gebürtige Recklinghäuser an der Universität Münster sein Studium der Humanmedizin auf. Das Praktische Jahr (PJ) verbrachte er anschließend in Detmold, wo er auch sein drittes Staatsexamen absolvierte. Anschließend war er in der Orthopädie der Sporthochschule Köln sowie in der Unfallchirurgie in Leverkusen tätig. Seine sportliche Karriere lief währenddessen weiter. „Lange Zeit hatte ich nicht das Gefühl, mich entscheiden zu müssen“, sagt Brand, „Sport war ein idealer Ausgleich zur Arbeit. Im PJ lief ich morgens um 6 Uhr 20 Kilometer und saß anderthalb Stunden später in der Frühbesprechung.“ 

Zehn bis vierzehn Sporteinheiten musste der Leichtathlet damals jede Woche in seinem Alltag unterbringen, um in Form zu bleiben. Teilweise trainierte er zweimal am Tag. Nach seiner Olympia-Teilnahme im Jahr 1996 begann seine orthopädische Weiterbildung in Lüdenscheid. Das war der Moment, in dem sein damaliger Chef ihm riet, sich zwischen Sportkarriere und ärztlicher Tätigkeit zu entscheiden. „Ich wusste, dass mein beruflicher Werdegang auf Dauer unter dem Sportpensum leiden würde“, so Brand. Seine professionelle Läuferkarriere ging damit zu Ende. 

Umso zufriedener ist Steffen Brand heute damit, als Orthopäde in einer eigenen Praxis zu arbeiten und somit anderen Sportlerinnen und Sportlern helfen zu können. 2001 ging er nach Lüneburg und eröffnete mit einem Kollegen und Freund aus der münsterschen Studienzeit eine Gemeinschaftspraxis für Orthopädie und Unfallchirurgie. Seitdem ist Brand als Belegarzt mit Schwerpunkten auf Endoprothetik, Schultererkrankungen und Chirotherapie tätig. Dem Leistungssport blieb er eng verbunden; so betreute er viele Jahre lang die Leichtathletik-Nationalmannschaft als Verbandsarzt. 

Von etwa 5.000 Patientinnen und Patienten, die jedes Quartal die Praxis aufsuchen, leiden viele unter Sportverletzungen. Die eigenen Erfahrungen als Profisportler – zu denen mehrere Ermüdungsbrüche und chronischen Beschwerden an der Achillessehne zählen – helfen Brand dabei, einen Draht zu den Betroffenen aufzubauen: Viele haben große Angst davor, ihren Sport aufgeben zu müssen. Das kann ich sehr gut nachvollziehen.“ 

Menschen in solchen Situationen eine Perspektive aufzuzeigen, ist wichtig für den Mediziner. Meistens gebe es Möglichkeiten, die sportliche Routine der Verletzung anzupassen oder langsam wieder in das Training einzusteigen. „Wenn Sport die persönliche Leidenschaft ist, möchte man auf gar keinen Fall einfach aufhören“, weiß der Mediziner. In den vergangenen Jahren habe er gelernt, dass die psychische Unterstützung und Motivation der Verletzten ein großer Bestandteil seiner Arbeit sein müssen.

Seitdem die große Sportkarriere vorbei ist, hat Steffen Brand mehr Freizeit – die er am liebsten mit seiner Familie verbringt. Seine vier Kinder sind inzwischen für Studium und Ausbildung ausgezogen. Umso mehr schätzt Brand die Momente, in denen alle wieder zusammenkommen. So ist es auch für diesen Sommer geplant: „Wie jedes Jahr fahren wir gemeinsam für einige Tage nach Österreich, um dort zu segeln, zu wandern und Mountainbike zu fahren. Darauf freue ich mich riesig“, sagt Brand. 

Sein Studienort Münster sei dagegen in den vergangenen Jahren nur selten Reiseziel gewesen. Dennoch fühle es sich immer ein bisschen wie „nach Hause kommen“ an, wenn er die Stadt besucht. „Ich hatte eine sehr gute Zeit in Münster, vor allem auf den legendären Chemiker-Partys“, erzählt der Sportler. Mit den vielen Studierenden, den Kneipen und dem belebten Prinzipalmarkt als Zentrum habe Münster für ihn bis heute ein besonderes Flair. Gerade an die Sommer denkt er gern zurück: „Besonders schön war es immer, unter dem grünen Blätterdach über die Promenade zu fahren. Das ist ein Gefühl, das mir im Kopf geblieben ist.“     Alexandra Julia Schrader

(Mit diesem Bericht setzt der Alumni-Verein „medAlum“ der Medizinischen Fakultät Münster seine Reihe von Porträts ungewöhnlicher „Ehemaliger“ fort. Basis der Serie ist das Absolventenregister von medAlum.)

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