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Medical-Scientist-Kolleg „InFlame“: Petra Dersch über Naturwissenschaftler in der medizinischen Forschung

Kick-off-Meeting: Prorektorin Prof. Maike Tietjens, der Ärztliche Direktor Prof. Alex W. Friedrich, der Dekan der Medizin Prof. Frank Ulrich Müller und Programmsprecherin Prof. Petra Dersch (v.l.) bestärkten die Kollegiatinnen und Kollegiaten auf ihrem interdisziplinären Karriereweg als „Medical Scientists“ (Foto: WWU/Erk Wibberg)

Münster (mfm/dn) - Elf Postdoktorandinnen und Postdoktoranden aus Biologie, Chemie und Informatik haben im Medical-Scientist-Kolleg „InFlame“ an der Westfälischen Wilhelms-Universität (WWU) Münster ein strukturiertes Training für Naturwissenschaftlerinnen und Naturwissenschaftler in der medizinischen Forschung begonnen. Das von der Else-Kröner-Fresenius-Stiftung geförderte Programm stärkt die Verbindung zwischen Grundlagenforschung und patientenorientierter Forschung im Gebiet Entzündungen und unterstützt die Teilnehmenden, eine wissenschaftliche Karriere in der Biomedizin zu verfolgen. Prof. Petra Dersch, Sprecherin des Programms und Infektionsbiologin an der Medizinischen Fakultät der Universität Münster, erläutert die spezifische Rolle der „Medical Scientists“, ihre beruflichen Perspektiven und die Inhalte des Karriereprogramms. Das Interview führte Doris Niederhoff.

Warum ist es wichtig, dass Naturwissenschaftlerinnen und Naturwissenschaftler ihr Wissen in die medizinische Forschung einbringen?

Um Krankheiten erkennen und behandeln zu können, ist es äußerst wichtig, ihre Entstehungsursachen naturwissenschaftlich zu erforschen, grundlegende Erkenntnisse in neue therapeutische oder diagnostische Strategien zu überführen, und offene Fragen auch wieder zurück ins Labor zu bringen. Das ist ein Zirkel, in dem Forschende aus Naturwissenschaften und Medizin gemeinsam den medizinischen Fortschritt treiben. Wissen und Technologien aus Disziplinen wie Biologie und Chemie sind zum Beispiel essentiell, um Zellen markieren und im Organismus mit bildgebenden Verfahren untersuchen zu können, oder um Zellen genetisch zu analysieren und zu verändern. In der Forschung mit diesen Technologien entstehen riesige Datensätze, die analysiert werden müssen – da kommt die Informatik ins Spiel – und daran anschließende Modellrechnungen können bei der Bildung biomedizinischer Hypothesen helfen.

Wie kann das Zusammenwirken zwischen Forschenden aus Naturwissenschaften und Medizin konkret aussehen?

Der spannende Punkt ist, dass die Sichtweisen ganz unterschiedlich sind und sich ergänzen. Beispielsweise bei multiresistenten Bakterien schaue ich als Biologin danach, welche Resistenzen ein Bakterienstamm hat, und will ganz genau wissen, was die molekularen Ursachen dafür sind. Für Mediziner geht es hingegen zuerst um die klinischen Auswirkungen und die Frage, wie sie therapieren müssen. Bei einer Infektion mit multiresistenten Bakterien ist es entscheidend, sofort zu agieren, da geht es um Menschenleben. Ganz genau die Details zu den Bakterien zu kennen, ist da nicht so wichtig beziehungsweise zeitlich nicht möglich. In der Forschung müssen wir aber tief in die Ursachen gehen, um dann für die Klinik die bestmögliche Diagnostik und Therapie entwickeln zu können.

Zu diesem Zusammenspiel zwischen Forschung und Klinik soll das Medical-Scientist-Kolleg beitragen. Was hat Sie persönlich dazu bewegt, sich als Sprecherin für dieses Programm zu engagieren?

In meiner Laufbahn habe ich selbst festgestellt, dass mir als Naturwissenschaftlerin in der klinikorientierten Forschung Wissen und Kontakte fehlten. Bei vielen Problemen, die in der Klinik auftauchen, können wir als Naturwissenschaftler konstruktiv zu einer Lösung beitragen. Aber oft erfahren wir das erst spät oder nicht aktiv. Und wenn solche Fragen auftauchen, fehlen uns bestimmte Hintergründe: Was muss ich beispielsweise alles beachten, wenn ich mit Blut- oder Gewebeproben arbeite? Wie komme ich überhaupt an humane Bioproben? Wen spreche ich an und wie? Oft ist auch die nötige Vernetzung nicht vorhanden. In Münster ist eine Kultur gewachsen, in der es einen ständigen Austausch zwischen Medizin und Naturwissenschaften gibt – das ist nicht selbstverständlich. Kolleginnen und Kollegen aus beiden Richtungen kommen aktiv aufeinander zu, und man hat diese Hemmschwelle gar nicht. In so einer Umgebung kann man ganz andere Denkstrukturen entwickeln, und gemeinsam, ganz andere Experimente konzipieren, die viel klinikorientierter sind. Diese Interaktion wollen wir mit dem strukturierten Programm jetzt von der Professorenebene bereits auf die Ebene der Forschenden in der Postdocphase übertragen.

Wie kann man sich dieses Trainingsprogramm genau vorstellen?

Zum einen bringen wir die Kollegiatinnen und Kollegiaten in einer Seminarreihe mit Medizinerinnen und Medizinern zusammen, so dass sie sich von Anfang an auf Nachwuchsebene eng austauschen und kooperieren können. Gleichzeitig binden wir sie in die Aktivitäten lokaler Forschungsverbünde ein. Die Teilnehmenden forschen alle im Gebiet der Dynamik von Entzündungsreaktionen, das in Münster sehr stark ist. Dadurch ist es für die Teilnehmenden leicht, sich mit allen Spielern in ihrem Forschungsgebiet lokal und international zu vernetzen, Kooperationen aufzubauen, neue Techniken zu lernen und auch selbstständig Drittmittel einzuwerben.

Ein zweiter wesentlicher Baustein ist ein spezielles medizinorientiertes Training zu Inhalten, mit denen man sich als Naturwissenschaftler normalerweise nicht beschäftigt. Wie sieht zum Beispiel ein entzündetes Organ wirklich aus? Wie funktioniert eine klinische Studie? Wie schreibt man einen Ethikantrag? Solches Wissen ist wichtig, um die medizinische Relevanz der eigenen Forschung einschätzen zu können und Ideen zu entwickeln, wie grundlagenwissenschaftliche Erkenntnisse in klinische Anwendungen übertragen werden könnten.

Und drittens begleiten wir die Teilnehmenden in ihrer Forschung und Karriereentwicklung mit einem individuellen Mentoring durch erfahrene Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den Naturwissenschaften und der Medizin und mit gezielten Skills-Trainings. So können sie „auf kleiner Flamme“ alles lernen, was sie später für die Leitung einer Forschungsgruppe brauchen. Für die Promotion gibt es strukturierte Programme bereits häufig, in der anschließenden Postdocphase ist diese Möglichkeit aber noch etwas sehr Besonderes.

Wie sehen die Karriereperspektiven für die teilnehmenden Medical Scientists aus?

Die Kombination aus Grundlagenforschung und klinikorientierter Forschung haben nicht viele Naturwissenschaftler zu bieten. Deshalb bin ich überzeugt, dass alle, die sich wirklich hochmotiviert für so einen Weg in der Wissenschaft entscheiden, auch erfolgreich sein werden. Man muss im System aber durchhalten. Viele schreckt es ab, dass die akademische Laufbahn eine ganze Zeit lang keine festen Stellen bietet. Die Nachfrage nach qualifizierten Medical Scientists wird aber weiter steigen. Und die Zusammenarbeit mit der Medizin und mit unterschiedlichen Disziplinen der Naturwissenschaften ist sehr motivierend und kann einen echt erfüllen. Es kommen immer neue Techniken, neues Wissen und interessante nationale und internationale Kooperationen dazu – das ist ein wunderbarer Beruf.

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