Sprechstunde für Leute, die sonst nicht zur Sprache kommen: Dr. von Schierstaedt hilft Menschen ohne Krankenversicherung

Dr. Gabrielle von Schierstaedt in der Malteser-Sprechstunde (Foto: Miriam Chávez Lambers)

Münster (mfm/jk) – Was andere sich groß auf die Fahnen schreiben: für sie nicht der Rede wert. Die eigene Karriere? Stand hinter den Kindern an. Die Verwandtschaft mit einer münsterschen Bischofsfamilie? Eher lästig, da mit Erklärungsbedarf verbunden. Doch trotz vieler Hürden in ihrem Leben: Der Medizin hat Dr. Gabrielle von Schierstaedt nie den Rücken gekehrt. Seit zehn Jahren gibt es in Münster bei den Maltesern eine Sprechstunde für Kranke ohne Krankenversicherung. Und genauso lange hilft die Medizinerin dort auf beengtem Raum und mit stark begrenzten Mitteln Menschen, die in der heutigen Gesellschaft unsichtbar sind.

In ihrer Arbeit sieht von Schierstaedt tagtäglich den Kummer der Menschen, mehr noch als jeder Berufskollege. Jedes einfache Dankeschön eines Patienten ist ihr Anerkennung genug für ihre Arbeit. Und selbst die ist nicht selbstverständlich. Ohne jede Verbitterung erzählt sie die Geschichte einer Frau aus Kamerun, die nach einer Behandlung an der Hüfte sagte, die Straßen in ihrer Heimat würden den Heilungsprozess behindern und die Ärztin solle das bescheinigen. Von Schierstaedt lehnte ab - und wurde von ihrer Patientin verflucht. Die Medizinerin nimmt es mit Humor - sei für sie doch das Engagement für andere und die Motivation zu helfen nichts Erlerntes, sondern etwas, dass „schon immer so war“. Ihre Biografie passt dazu.

Während die Kommilitonen nachts um Münsters Häuser zogen, zog sie bereits drei Kinder groß. Bereits vor dem Physikum wurde sie das erste Mal schwanger. Ihr Mann war selbst noch Student. Das zweite und das dritte Kind folgten nach dem ersten Staatsexamen. Mutter von insgesamt fünf Kindern ist sie heute, Ärztin und Inhaberin eines Doktortitels. Dr. Gabrielle von Schierstaedt ist eine bemerkenswerte Frau, auch wenn sie das anders sieht.

Sie selbst bezeichnet sich als „nicht besonders eifrige Studentin“, weil sie sich durch die eine oder andere Anwesenheitsliste mogelte. Was sie dabei unter den Tisch fallen lässt, ist die Zeit, die sie zwischen Anatomiekurs und Biochemievorlesung auch noch für ihre Kinder finden musste. Durch die Prüfungen schaffte sie es trotzdem und im Praktischen Jahr in der Unikinderklinik opferte sie die Mittagspause, um im Labor die Experimente für ihre Doktorarbeit durchzuführen. Da nach den letzten Prüfungen mitten in der Bewerbungsphase das fünfte Kind zur Welt kam, war es dennoch für sie nicht möglich, als Ärztin mit den üblichen Arbeitszeiten tätig zu werden. Doch es verschlug sie nach einiger Zeit zu den Maltesern, wo sie mit Sanitätsdiensten begann und später die Sprechstunde übernahm.

Seit nun zehn Jahren fährt sie jeden Dienstag zum Daimlerweg 33. Die Menschen kommen mit ihren Beschwerden und Ängsten zu ihr - und oft auch mit großen Sprachbarrieren. Von Schierstaedt hört zu. Dolmetscher helfen bei der Übersetzung. Unbezahlt leistet sie wöchentlich unbezahlbare Arbeit. Von der Schmerztherapie über die Schwangerschaftsbegleitung bis hin zu manch einer OP, die für besonders kranke Patienten organisiert wird, reicht ihr Arbeitsbereich. Die Malteser kümmern sich darum, in schwierigen Fällen Chirurgen oder Fachärzte zu finden, die unentgeltlich Behandlungen übernehmen. Die restlichen Kosten werden aus Spenden getragen.

Doch für von Schierstaedt ist ihre Aufgabe nicht nur wichtig aus gesellschaftlicher Sicht, sondern auch aus medizinischer. Viele Nachwuchsmediziner lernen die Diagnostik von Anfang an mit von teuren Geräten. „Sie laufen dadurch Gefahr, das Gespür für eine Diagnose ohne technische Hilfe zu verlieren“, sagt die Ärztin. Einmal im Semester stellt sie ihre Arbeit deshalb in einer kleinen Vorlesung und anhand von Fallbeispielen den Medizinstudierenden der WWU vor. Praktika kann sie nicht anbieten: Die Räume sind zu beengt, die Mittel zu begrenzt. Ohne staatliche Finanzierung kann die Sprechstunde kein Krankenhaus oder eine herkömmliche Arztpraxis ersetzen.

Die meisten Behandlungen Schierstaedts beschränken sich zwangsläufig auf die Schmerzbekämpfung; die eigentliche Ursache der Krankheit muss oft, wie bei Zahnproblemen, unbehandelt bleiben. Für die Zukunft wünscht sich die Medizinerin deswegen ein Umdenken in der Politik. Die von ihr und ihren Kollegen verrichtete Aufgabe sei doch eigentlich eine staatliche. Auch für die Menschen, die wöchentlich in ihre Sprechstunde kommen, sollte es möglich sein, in das soziale Netz zu kommen oder den Weg dahin zurück zu finden, fordert sie.

Zwar kam so manch ein Patient nach einiger Zeit wieder, die Versichertenkarte stolz in der Hand. Bis zu den erhofften staatlichen Reformen ist es aber ein langer Weg. Und bis dahin trifft man Gabrielle von Schierstaedt weiterhin von 10 bis 14 Uhr bei den Maltesern an.

(Falls Sie helfen wollen, hier das Spendenkonto: IBAN DE10370601201201200012, BIC GENODED1PAX7, Betreff: MMM)

(Mit diesem Bericht setzt der Alumni-Verein „MedAlum“ der Medizinischen Fakultät Münster seine Reihe von Porträts ungewöhnlicher „Ehemaliger“ fort. Die Hinweise stammen aus dem Absolventenregister von MedAlum.)

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