„Wenn ich den Namen Münster höre, hüpft mein Herz“: Zahnarzt Ritzenhoff arbeitet mit 80 noch in einem Waschsalon

Verleihung des Charity-Awards von Springer Medizin durch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn 2018 in Berlin (Foto: Springer Medizin Gala 2018 / David Vogt)

Dr. Hans Ritzenhoff betreut Studierende der Universität Witten/Herdecke in Luthers Waschsalon (Foto: Iuliana Flick)

Münster (mfm/sw) – Von Remscheid über Münster, Bolivien, Indien und Chile bis nach Hagen: Einen solchen Lebenslauf können nicht viele vorweisen. Der 80-jährige Zahnarzt Dr. Hans Ritzenhoff, Alumnus der Universität Münster, ist aber noch lange nicht am Ziel: Zwar arbeitet er nicht mehr in seiner eigenen Praxis, doch kann von Ruhestand keine Rede sein. Anstatt sich mit dem üblichen Rentneralltag zu bescheiden, behandelt er Menschen, die durch Armut und fehlende Krankenversicherung durch die Maschen unseres Gesundheitssystems fallen. Der Schauplatz: Luthers Waschsalon in Hagen.

Den 1938 geborenen Zahnarzt zog es zum Studium ins Münsterland. Dort machte er 1965 sein Examen. Für den gebürtigen Remscheider folgte zunächst die klassische Karriere: Assistenzarzt in Detmold, dann Übernahme der Praxis seines Vaters in Solingen. Mit 60 Jahren begann Ritzenhoff, erstmals über das Rentnerdasein nachzudenken, denn: Einfach zurücklehnen kam für ihn nicht in Frage. Zu sehr reizte ihn die Vorstellung, in der „Dritten Welt“ etwas für die Zahngesundheit der armen Bevölkerung zu tun und nebenher etwas von fremden Ländern und Menschen zu sehen. So kam es, dass er mit seiner Frau ab dem Jahr 2000 für karitative Einsätze ins Ausland ging. Von Indien bis Südamerika – gerne schwelgt er in Erinnerungen an diese Zeit. Im Jahr 2007 beendete er seine Praxiskarriere.

Fast zeitgleich rief ihn eine seiner Helferinnen an, sie habe im Internet gelesen: „Luthers Waschsalon sucht einen Zahnarzt“. Ein Waschsalon scheint für einen Zahnarzt nicht das übliche Berufsumfeld zu sein. Schnell stellte sich heraus, dass es sich bei der Einrichtung der Diakonie Mark-Ruhr ganz und gar nicht um einen üblichen Waschsalon handelt: Zwar können die Gäste hier auch waschen und haben Zugang zu einer warmen Dusche, doch bietet der Waschsalon den Menschen noch viel mehr. Das Herzstück bildet die zahnmedizinische und medizinische Ambulanz, die Menschen aufsuchen können, die durch fehlende Krankenversicherung keinen anderen Zugang zu ärztlichen Behandlungen haben. Als Ritzenhoff klar wurde, dass es sich hierbei also um zahnmedizinische Versorgung auf karitativer Basis handelte, schickte er prompt seine Bewerbung ab. Ein Anruf genügte und er konnte sofort anfangen - so ließ er den Ruhestand erst einmal einige Jahre ruhen. „Ich denke nicht ans Aufhören. Ich will arbeiten, solange es geht“, antwortet Ritzenhoff auf die Frage nach seinem Limit bei Luthers Waschsalon.

Wie sieht der Alltag des 80-jährigen Zahnarztes heute aus? Zweimal wöchentlich, montags und donnerstags, ist Sprechstunde. Das Besondere daran: Es wird nicht nur ehrenamtlich gearbeitet; die Sprechstunde ist – buchstäblich - auch Lehrstunde: Seit 2003 kooperiert Luthers Waschsalon mit der Privatuniversität Witten-Herdecke, die regelmäßig Studierende der Zahnmedizin entsendet, damit sie den Praxisalltag erleben und selbst am Patienten arbeiten können. Natürlich immer unter Aufsicht eines erfahrenen Zahnmediziners, sprich: unter der von Ritzenhoff. Dieser hat dafür eine Lehrbefähigung von der Universität erhalten. Von Füllungen bis hin zu Zahnextraktionen haben die Studierenden die Möglichkeit, ihr Wissen praktisch zu erweitern. Aber vor allem: Sie übernehmen Verantwortung und lernen, sich sozial zu engagieren – Eigenschaften, die einen guten Arzt ausmachen sollten. Dieser Ansatz ist den Lehrenden der Universität Witten-Herdecke, besonders dem Leiter des zahnmedizinischen Departments, Herrn Prof. Stefan Zimmer, sehr wichtig.

Für seine Arbeit in Luthers Waschsalon erhielt Dr. Ritzenhoff vergangenes Jahr den „Charity Award“ des Medizin-Verlages Springer. Er freut sich, dass das Engagement anerkannt wird. Da eine diakonische Einrichtung wie Luthers Waschsalon hauptsächlich von Spenden lebt, ist Publicity wichtig. Ritzenhoff: „Die Presseleute sind Multiplikatoren unserer Arbeit. Durch die Medien werden Menschen auf unsere Praxis aufmerksam. So hat ein Unternehmen, das unter anderem Desinfektionsmittel herstellt, von uns gehört und war so begeistert, dass es uns seither mit Spenden unterstützt“.

In 80 Jahren um die Welt – so könnte man das Leben des Zahnarztes auch beschreiben. Zwar lebt er wieder nahe seiner Heimat, doch hat er viel von der Welt gesehen und vor allem zurückgegeben. Doch so groß die Welt auch ist: Nach Münster kommt er stets gern zurück. „Wenn ich den Namen der Stadt höre, hüpft mein Herz.“ Ob zum Fahrrad fahren oder Freunde besuchen - die Domstadt im Münsterland bleibt für ihn von großer Bedeutung. In Zukunft erhofft sich Hans Ritzenhoff, noch mehr vom Geschehen in der Universitätsmedizin mitzubekommen, darum ist jetzt auch Mitglied bei medAlum geworden. Vorerst findet man ihn weiterhin in Luthers Waschsalon – Aufhören gehört eben nicht zum Plan.

Stella Willmann

(Mit diesem Bericht setzt der Alumni-Verein „MedAlum“ der Medizinischen Fakultät Münster seine Reihe von Porträts ungewöhnlicher „Ehemaliger“ fort. Die Hinweise stammen aus dem Absolventenregister von MedAlum.)

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