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„Vergiss es doch einfach": Für ältere Menschen offenbar schwieriger als angenommen

Dr. Julia Reinholz (Foto: privat)

Neurologische Studie zeigt: Kontrolle über unliebsame Erinnerungen lässt im Alter nach
Münster (mfm/pc) – Je älter, desto vergesslicher: eine Beobachtung, über die sich die Betroffenen meist ärgern. An bestimmte – unliebsame – Dinge hingegen möchte man sich am liebsten gar nicht mehr erinnern. Erstaunlich: Gerade dieser Prozess des „Verdrängens“ klappt im Alter weniger gut. Das ergab eine jetzt in der international renommierten Fachzeitschrift „Psychology and Aging“ veröffentlichte Studie, an der auch eine Forscherin der Universität Münster beteiligt war.
Durchgeführt wurde die Untersuchung an der Universität von Oregon in Eugene (USA) von einer Arbeitsgruppe um Prof. Michael C. Anderson, einem der weltweit führenden Neurobiologen und Gedächtnisforscher. An der Studie nahmen 32 Personen mit einem Durchschnittsalter von 74 Jahren teil. Als Kontrollgruppe dienten 32 Studierende der Universität, die im Mittel 22 Jahre alt waren. Die Probanden lernten zunächst Wortpaare auswendig, die in keinerlei Zusammenhang stehen, beispielsweise „Apfel - Zug“. Anschließend zeigten die Wissenschaftler ihnen in einer weiteren Runde nur das erste der beiden Wörter. Bei einem Teil der Wörter wurden die Versuchspersonen aufgefordert, intensiv an das andere dazugehörige Wort zu denken, bei dem anderen Teil sollten sie die Erinnerung daran bewusst unterdrücken („think/no think“).
In einem abschließenden Test sollten sich die Personen wieder an die vollständigen Wortpaare erinnern. Die Wissenschaftler zeigten ihnen entweder das zuvor gelernte erste Wort (Apfel - …) oder nannten ihnen die Kategorie des gesuchten Worts zusammen mit dem Anfangsbuchstaben (Fahrzeug - Z…). Während es im ersteren Fall kaum Unterschiede gab, erinnerten sich die jüngeren Testpersonen deutlich schlechter an die zuvor bewusst „vergessenen“ Worte, wenn ihnen nur Kategorie und Anfangsbuchstabe gezeigt wurden. „Bei den älteren Probanden stellten wir hier keinen eindeutigen ‚Vergessens-Effekt‘ fest‘“, erläutert Dr. Julia Reinholz, Mitautorin der Studie, das Ergebnis.
Bei zuvor durchgeführten altersunabhängigen Testdurchläufen hatten die Wissenschaftler während der „think/no think“-Phase die Gehirne der Probanden mit einem Magnetresonanztomographen beobachtet und in zwei Hirnregionen eine verstärkte Aktivität gemessen: im näher zur Hirnmitte liegenden Hippocampus, wo die Erinnerungen gespeichert werden, ebenso wie in bestimmten Regionen des präfrontalen Cortex (Stirnhirn), die Kontrollfunktionen ausüben. Das Wissenschaftlerteam um Prof. Anderson hatte damit den bereits von Sigmund Freud behaupteten Mechanismus des bewussten „Verdrängens“ erstmals neurobiologisch belegen können. Die neueren Testergebnisse weisen nun darauf hin, dass es älteren Personen schwerer fällt, Erinnerungen bewusst zu vergessen, also zu verdrängen.
„Das bedeutet für uns Psychologen, dass wir bei der Therapie älterer Patienten mit traumatischen Erlebnissen unter Umständen anders vorgehen müssen, als bei jüngeren“, beschreibt Dr. Reinholz die klinische Relevanz dieser Erkenntnis. „Anstatt eine aufsteigende Erinnerung bewusst zu unterdrücken könnte es für sie zum Beispiel sinnvoller sein, in diesem Moment bewusst an etwas Angenehmes zu denken.“ Allerdings seien weitere Versuche notwendig um festzustellen, ob der dargestellte Mechanismus bei persönlich gefärbten Erinnerungen in derselben Weise funktioniert.
Reinholz, bis vor Kurzem Mitarbeiterin der Klinik für Neurologie des Universitätsklinikums Münster und Mitglied der dortigen Arbeitsgruppe „Kognitive Neurologie“, arbeitete während eines Forschungsaufenthaltes in den USA an der Studie mit. Inzwischen ist sie nach Hamburg in die Forschungsabteilung eines Pharma-Unternehmens gewechselt. Unter der Leitung des stellvertretenden Klinikdirektors Prof. Dr. Stefan Knecht erforscht die „Kognitive Neurologie“, ein interdisziplinäres Team aus Ärzten, Psychologen, Biologen, Physikern, Sprachwissenschaftlern und Pharmazeuten, unter anderem die neurobiologischen Grundlagen des Gedächtnisses. Ziel ist es, biologisch fundierte Therapien für Patienten mit kognitiven Störungen zu entwickeln.

Artikel:
Anderson, Michael C.; Reinholz, Julia; Kuhl, Brice A.; Mayr, Ulrich. „Intentional Suppression of Unwanted Memories Grows More Difficult as We Age“, In: Psychology and Aging, Volume 26(2), Jun 2011, 397-405. Link: http://dx.doi.org/10.1037/a0022505