Weltberühmter Krebsforscher mit deutsch-jüdischen Wurzeln: Prof. Robert Weinberg hat das WWU-Zeugnis seines Vaters immer dabei

Ein Bild der historischen Urkunde hat er immer dabei: Prof. Robert Weinberg – hier während eines Kongresses der Universität Münster - zeigt stolz das Zeugnis, das die Hochschule seinem Vater vor 97 Jahren ausgestellt hat (Foto: Karin Völker)

Dr. Fritz Weinberg in seiner ersten eigenen Zahnarztpraxis am Marktplatz 6 in Dortmund um 1923 (Foto: privat)

Münster (mfm/ls) – Als Entdecker des ersten „Krebsgens“ ist er einer der renommiertesten Molekularbiologen unserer Zeit: Robert Weinberg. Noch immer forscht der 74-jährige als Professor für Biologie und Krebsforschung am weltberühmten Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge/USA. Seine familiären Wurzeln liegen allerdings im Münsterland – und auch an der Universität Münster.

Robert Weinbergs Vater Fritz wurde 1899 in Rheda geboren. Der tragische Unfalltod von dessen Vater bürdete dem erst 16-jährigen Sohn von einem Tag auf den anderen die Rolle des verantwortlichen Mannes in der Familie auf. Er machte sein Notabitur in Gütersloh und begann 1917 ein Studium am zahnmedizinischen Institut der Universität Münster, das wenige Jahre später zu einem Nukleus der neuen Medizinischen Fakultät der Hochschule werden sollte. Nach zweieinhalb Jahren hatte er seine Basisausbildung absolviert und wechselte nach Würzburg, um sein Studium abzuschließen. In Würzburg wurde ihm schließlich auch der Titel „Doktor der Zahnheilkunde“ verliehen. Der frisch gebackene Arzt arbeitete zunächst einige Jahre in der Praxis eines Zahnarztes in Bochum, bevor er 1923 seine eigene Praxis am Marktplatz 6 in Dortmund eröffnete. Eine erfolgreiche, friedliche Zeit – die 1933 abrupt endete.

Die von den Nazis erlassenen Nürnberger Rassengesetze machten dem Westfalen jüdischer Herkunft die Ausübung seines Berufs fast unmöglich. Neben der Berufsgruppe der Juristen waren es vor allem Mediziner, gegen die sich der Antisemitismus in Deutschland ab 1933 zügig und organisiert richtete. Jüdische Ärzte durften nach Inkrafttreten dieser Verordnung ausschließlich jüdische Patienten behandeln, was für den jungen Arzt eine große Einbuße an Patienten bedeutete. Trotzdem hielt er sich mit den wenigen Patienten über Wasser, die noch die Courage aufbrachten, zu ihm zu kommen, bis er und seine Frau Lore 1938 endgültig durch die Schrecken des Nationalsozialismus‘ zur Emigration in die USA gezwungen waren. Die USA waren die Rettung der Familie und wurden zur neuen Heimat.

Keine Lust auf redselige Patienten und schlaflose Nächte

Vier Jahre nach der Flucht, 1942, wurde der Sohn Robert Allan Weinberg in Pittsburgh geboren. Rein beruflich war Fritz Weinberg allerdings keine Inspiration für seinen Sprößling: „Er hat Patienten in den Mund und sein eigener Vater hatte Pferden ins Maul geschaut – das hatte keinen Reiz für mich. Ich erinnere mich daran, dass mein Vater manchen Patienten extra viel Watte in den Mund steckte, damit sie aufhörten, zu viel zu reden. Darauf hatte ich keine Lust“, schmunzelt Prof. Weinberg. „Als ich aufs College kam, tat ich, was viele junge jüdische Männer taten und bereitete mich auf das Medizinstudium vor. Bald fand ich aber heraus, dass Ärzte nachts selten Schlaf bekamen. Ich brauche aber meinen Schlaf.“ Also wechselte er in den damals aufstrebenden Bereich der Molekularbiologie, der den jungen Mann schnell faszinierte.

Hätte er dem Wunsch seines Vaters entsprochen, wäre aus Weinberg wohl nicht einer der berühmtesten Molekularbiologen der Welt geworden, sondern der Nachfolger in der elterlichen Praxis in Pittsburgh. Stattdessen studierte er Biologie am MIT, wo er 1969 promovierte und später selbst Professor wurde. Seine wissenschaftlichen Entdeckungen gelten als bahnbrechend für die Krebsforschung, da sie das Verständnis der Ursachen der Krebsentstehung grundlegend veränderten. Weinberg hat weltweit unzählige Preise erhalten, darunter auch bedeutende deutsche Auszeichnungen wie den Robert-Koch-Preis. Robert Weinberg ist selbst oft in Deutschland; er besucht wissenschaftliche Kongresse und wurde in die altehrwürdige wissenschaftliche Gesellschaft „Pour le Mérite“ in Berlin aufgenommen. In seinem Labor am MIT arbeiten immer mindestens ein oder zwei deutsche Studierende.

Rückkehr ins Land der Mörder und Mitläufer

Fritz Weinberg hatte bis zu seinem Tod ein zwiespältiges Verhältnis zu Deutschland. Einerseits hatte er in den fünf Jahren nach Hitlers Machtergreifung als Jude viel Leid erlebt, auch in der Familie: Einer seiner Cousins wurde aufgrund eines Stotterleidens von den Nazis ermordet. Zwei seiner Onkel, die in Münster lebten, wurden in einem Konzentrationslager – vermutlich Oranienburg – von einem Erschießungskommando hingerichtet. Andererseits, sagt sein Sohn, habe er aber auch von Deutschen berichtet, die sich sehr anständig benommen hätten. 1958 kehrte die Familie erstmals nach Rheda zurück, die Stadt, an der das Herz des Vaters sehr hing. In dem Haus, das Fritz' Vater 1897 für die Familie gekauft hatte, lebten fünf türkische Familien. Die Synagoge und die ehemalige Schule waren während der Reichsprogromnacht niedergebrannt worden. Auf dem Friedhof fand der Emigrant jedoch die intakten Gräber von Eltern und Großeltern wieder.

Obwohl diese Familiengeschichte Robert Weinberg sehr geprägt hat, sagt er: „Ich komme hierher, weil die Deutschen versuchen, ihre Vergangenheit zu analysieren, zu verstehen. Sie ringen mit ihr. Ich bewundere das Verhalten der heutigen deutschen Bevölkerung, obwohl sie nicht mehr mit dem zu tun hat, was unter dem Nazi-Regime passiert ist.“

Lena Sünderbruch

(Mit diesem Bericht setzt der Alumni-Verein „MedAlum“ der Medizinischen Fakultät Münster seine Reihe von Porträts ungewöhnlicher „Ehemaliger“ fort. Die Hinweise stammen aus dem Absolventenregister von MedAlum.)

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