„Ob ich fliege war nie eine Frage“: Joachim Gardemann leitet Hilfseinsätze rund um den Globus – aber der erste Auftrag war in Münster

Prof. Joachim Gardemann 2014 in Sierra Leone: einmal ohne …

… und einmal mit Ebola-Schutzanzug (Foto: Maija Tammi / Finnisches Rotes Kreuz)

Münster (mfm/sm) - Längst ist sein Name auch über die Stadtgrenzen Münsters hinaus bekannt: Prof. Joachim Gardemann. Viele Male schon reiste der Kinderarzt in Krisengebiete rund um den Globus, um vor Ort humanitäre Hilfe zu leisten. Wie so oft im Leben war es der Zufall, der Gardemann zu dieser Arbeit brachte. Inzwischen leitet er internationale Einsätze des Roten Kreuzes – und gibt ansonsten sein Wissen im „Kompetenzzentrum Humanitäre Hilfe“ der Fachhochschule Münster weiter, das die Expertise verschiedener Disziplinen für einen gemeinsamen Zweck vereint: Hilfe für Menschen im Krisenfall. Begonnen hat Gardemanns Berufsweg an der Westfälischen Wilhelms-Universität, wo er Medizin studierte und auch promoviert wurde.

Anfang der Neunziger Jahre trat Gardemann als frisch gebackener Facharzt für Kinderheilkunde eine Stelle im Gesundheitsamt der Stadt Münster an. „Ich schrieb Gutachten oder machte Reihenuntersuchungen bei Kindergartenkindern. Nicht besonders spektakulär, dachte ich damals, aber eben auch wichtig“, so der gebürtige Rheinländer aus Euskirchen. Etwa zeitgleich brach der Balkankonflikt aus; eine Welle von Flüchtlingen erreichte Deutschland und damit auch Münster. „Plötzlich hatte ich die Aufgabe, die kinderärztliche Versorgung dieser Menschen zu übernehmen – mein erster Einsatz in einer humanitären Krise war also gewissermaßen ‚vor der Haustür‘ in Münster. So fing alles an“, erinnert sich Gardemann.

Bereits einige Jahre später, 1994, sollte der erste Auslandseinsatz folgen, denn in Ruanda lief der schreckliche Völkermord an der Tutsi-Minderheit. „Ich bekam einen Anruf vom Generalsekretariat des Roten Kreuzes. Als Vorbereitung auf die Arbeit mit den Geflüchteten in Münster hatte ich dort nämlich einen Lehrgang zu ‚Internationaler Hygiene und Flüchtlingsmedizin‘ gemacht. Die Kollegen suchten nun einen Kinderarzt für den Hilfseinsatz und erinnerten sich an mich.“ So flog der Pädiater, die heimatliche Unterstützung seines Arbeitsgebers und der Familie im Rücken, ohne lange zu zögern für drei Monate in das zentralafrikanische Krisengebiet.

„Ich halte es wie der Fuchs im Buch ‚Der kleine Prinz‘. Der sagt: Du bist zeitlebens verantwortlich für das, was du dir vertraut gemacht hast. Mit dieser Einstellung habe ich sogar mal Klaus Kleber vom ZDF sprachlos gemacht, als ich dasselbe in einem Interview mit ihm gesagt habe. Nach dem Beitrag wandte er sich direkt an die Zuschauer und meinte: ‚Das mit dem Kleinen Prinzen – das war gut!‘“, lacht Gardemann. „Meinen Studierenden nenne ich immer ein weiteres Beispiel: Es zwingt dich keiner, Feuerwehrmann zu werden. Aber wenn du einer bist, dann musst du auch hingehen, falls es brennt. Deswegen war es für mich nie eine Frage, ob ich fliege oder nicht.“ Seither hat der Mediziner in -zig Ländern Katastrophenhilfe geleistet – China war ebenso darunter wie Sudan, Iran, Haiti oder Sierra Leone. Angst hatte er dabei fast nie, sagt Gardemann.

Fernab der Krisengebiete und inzwischen von der Stadt zur Fachhochschule Münster gewechselt, leitet er dort seit 2001 das „Kompetenzzentrum Humanitäre Hilfe“: „Ich bin wohl einer der Wenigen bundesweit, bei denen Einsätze in humanitären Krisen in der Stellenausschreibung stehen. Ein Vertrag zwischen Rotem Kreuz und Fachhochschule, auf dem nur die Unterschriften fehlen, liegt immer vorbereitet in der Personalabteilung, damit ich bei einem Alarmanruf sofort aufbrechen kann.“, verrät er und ist sich dieses Privilegs bewusst: „Für ihre Flexibilität bin ich der Fachhochschule sehr dankbar.“

Die Arbeit des Kompetenzzentrums – ein Verbund der FH mit Uni Münster und Stadt Münster – konzentriert sich auf die technischen und praktischen Aspekte der humanitären Hilfe. Dazu zählen die Medizin an der Universität genauso wie Bauingenieurwesen, Maschinenbau, Architektur oder Ernährungswissenschaft an der Fachhochschule. Münster als Wissenschaftsstandort beherberge aber auch darüber hinaus fast alle Fachrichtungen, die es für eine internationale humanitäre Hilfe brauche: „Hier gibt es Hochschulen von Feuerwehr und Polizei, hier gibt es aber auch Jura oder Politikwissenschaft. Diese Vielfalt ist in Deutschland einzigartig. Und es kommt mit dem Westfälischen Frieden noch eine überaus passende Geschichtstradition der Stadt hinzu“, so der 62-Jährige.

Wäre es also möglich, bei der nächsten Katastrophe einen interdisziplinären münsterschen Konvoi in das Krisengebiet zu entsenden? Gardemann winkt ab: „In der humanitären Hilfe geht es um Hilfe zur Selbsthilfe, da rücken keine ‚Armeen‘ aus. Wenige Experten leisten akut Unterstützung und geben das nötige Wissen an die Einheimischen weiter.“ Allerdings könne er viele Studierende – gerade der Medizinischen Fakultät – mit seinem Thema sehr gut „packen“: „Vor kurzem bekam ich wieder eine E-Mail: ‚Herr Gardemann, ich bin gerade mit Ärzte ohne Grenzen in Uganda und Sie haben mich damals mit Ihrer Vorlesung dazu motiviert‘. So eine Nachricht ist natürlich toll!“ Jedoch stellt er noch einmal klar: „Nicht jeder kann und soll vor Ort helfen. Aber viele Studierende verfassen Abschluss- oder Doktorarbeiten zu Themen und Problemen, die ich aus Einsätzen mitbringe. So können auch sie einen wertvollen Beitrag leisten.“

Mit seinen 62 Jahren rückt für Gardemann das Ende eigener Kriseneinsätze langsam näher. Das Kompetenzzentrum Humanitäre Hilfe werde es aber selbstverständlich auch nach seiner aktiven Zeit geben, ist sich Gardemann sicher. Gerade plane er mit Kollegen aus Fachhochschule und Universität, wie das Zentrum auch ohne ihn weitergeführt werden kann. Schmunzelnd fügt er an: „Aber wissen Sie, man darf ja auch ein bisschen länger machen“.   Stella Meijerink

(Mit diesem Bericht setzt der Alumni-Verein „MedAlum“ der Medizinischen Fakultät Münster seine Reihe von Porträts ungewöhnlicher „Ehemaliger“ fort. Die Hinweise stammen aus dem Absolventenregister von MedAlum.)

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