Pendlerin zwischen Praxis und Phantasie: Zahnmedizin-Studentin Elham Sayed Hashemi verarbeitet ihre Erfahrungen literarisch

Die Studentin Elham Sayed Hashemi debütiert als Autorin mit dem semibiografischen Roman „Mahrokh“ (Foto: Köster Fotostudio)

Cover des Buches (Foto: Agenda-Verlag)

Münster (mfm/sw) – Morgens Parodontologie, mittags Lektorat, nachmittags Klinischer Kurs und abends Eintauchen in Romanwelten: nicht unbedingt der übliche Alltag einer Studentin im siebten Semester. Aber Elham Sayed Hashemi reicht das Vollzeitstudium der Zahnmedizin nicht – ihre große Leidenschaft ist das Schreiben. Im Februar konnte sie ihren großen Traum verwirklichen: Hashemis erster Roman, „Mahrokh – die Frau eines Terroristen“, wurde veröffentlicht. Dabei handelt es sich nicht um eine frei erfundene Geschichte – das Buch basiert auf eigenen Erfahrungen in Afghanistan, von wo die junge Autorin vor zehn Jahren mit ihrer Familie nach Deutschland floh. Heute sitzt die Studentin der Universität Münster schon am zweiten und dritten Buch – und paukt nebenbei für das Staatsexamen.

„Mahrokh“ erzählt die Geschichte einer jungen Afghanin, deren Mann vermeintlich in einen Terroranschlag verwickelt ist. Er ist daraufhin gezwungen, aus seinem Heimatland nach Deutschland zu fliehen – ähnlich wie Elham selbst, nur, dass sie nicht mit einem Terroristen verheiratet ist. „Hätte ich eine Autobiografie geschrieben, dann wäre das Buch zu 90 Prozent das, was es jetzt ist – die restlichen zehn sind nur aus literarischen Gründen erfunden“, so Elham über ihren Roman. In Afghanistan hätte sie nach eigener Aussage das Buch niemals veröffentlichen können – die Thematik verboten, eine weibliche Autorin sowieso. Dabei hat sie das Buch bereits in dem Land am Hindukusch geschrieben, auf Persisch. Die deutsche Übersetzung folgte erst einige Jahre später, als Elham in Deutschland in einem Intensiv-Kurs, finanziert durch ein Stipendium, die Sprache lernte. Die Motivation, das Buch trotz fehlender Aussicht auf Veröffentlichung zu schreiben, ist für die 30-jährige das Verarbeiten eigener Erfahrungen – außerdem versucht sie mit „Mahrokh“, den Lesern die Hintergründe und Umstände vor Ort näher zu bringen. „In einer Welt umgeben von Terror und Angst stellt man sich oft die Frage: Warum passieren diese Dinge? Warum passiert das in meinem Land, vor meiner Tür?“ Auf solche Fragen gibt es oft keine Antworten – Elham sucht sie in der Literatur.

Ausgrenzung – das ist auch für die angehende Zahnmedizinerin ein Begriff. Als sie in Halle an der Saale ihr Studium begann, fühlte sie sich weder von Professoren noch Kommilitonen gut aufgenommen. „Integration? Ein Fremdwort für meine damaligen Professoren. Teilweise wurde ich sogar ignoriert – wohlgefühlt habe ich mich nicht.“ Kein leichter Start für die 30-Jährige, dennoch hat sie sich nicht unterkriegen lassen: Um solche Probleme, vor allem auch an Unis, zukünftig zu vermeiden und Integration zu fördern, hat sie einen simplen, aber wirksamen Tipp: „Mehr reden - nur so kann man Probleme bewältigen.“ Der Standort- und Studiengangwechsel waren die richtige Entscheidung: Heute, in Münster, ist sie „angekommen“. Das Zahnmedizin-Studium gefällt ihr immer mehr – gerade die praktischen Anteile machen ihr besonders Spaß. „Es ist wie eine andere Welt“, so Elham über die Domstadt und insbesondere über ihre Kommilitonen. Ihr Umfeld begegnet ihr mit Respekt und Akzeptanz – so, wie sie es erhofft hatte.

Die 1989 im Iran geborene Studentin ist in Afghanistan aufgewachsen – einem Land, das seit Jahrzehnten von Krieg und Terror geprägt ist. 20 Jahre später, im Jahre 2009, konnte sie mit ihrer Familie nach Deutschland fliehen. Gemeinsam mit ihrer Schwester hatte sie bereits an der Kabul Medical University vier Semester Medizin studiert – was ihr in Deutschland enorme Vorteile für einen Studienplatz brachte. Ihre Schwester hat ihr Medizinstudium beendet und ist nun als Assistenzärztin in einem Krankenhaus tätig. Elhams Berufswunsch war ursprünglich jedoch ein anderer: Die Leidenschaft zum Schreiben entdecke sie bereits in jungen Jahren und wollte schon als Teenager Autorin werden. „Mit 16 habe ich auch schon geschrieben, die Entwürfe sind aber alle im Mülleimer gelandet“, erzählt sie lachend.

In den kommenden Büchen wird die Thematik ähnlich sein. Kindesmissbrauch ist in Elhams Augen mit eines der größten Probleme im heutigen Afghanistan – und genau das wird ihr nächster Roman „Zu viel für ein Leben“ behandeln. Mit ihren Büchern möchte Elham nicht nur verarbeiten, was sie mit eigenen Augen in Afghanistan erlebt hat, sondern auch auf die Umstände vor Ort aufmerksam machen – also eine Art Botschafterrolle einnehmen. Wo sie sich in der Zukunft sieht, ist für sie ganz klar: vormittags in der eigenen Zahnarztpraxis und nachmittags flüchtet sie in ihre ganz eigene Welt – in die Welt der Bücher. Auch nach dem Studium hofft sie, in ihrer „Lieblingsstadt Münster“, wie sie ihre jetzige Heimat liebevoll bezeichnet, bleiben zu können, sicher ist sie sich aber nicht: „Das ist auch eine Sache des Glücks, denn man kann nie wissen, womit man im Leben überrascht wird“.     Stella Willmann

(Mit diesem Bericht setzt der Alumni-Verein „MedAlum“ der Medizinischen Fakultät Münster seine Porträt-Reihe "Köpfe der Fakultät" fort. Mehr zu dem Verein erfahren Sie hier.)

Terminhinweis: Elham Sayed Hashemi liest am 11.09.2019 (17.00 Uhr) in der Stadbücherei Münster aus ihrem Buch. Nähere Infos gibt es hier.

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